Rede von Michael Schmidt, zum Antrag der Fraktion "Give-/Tauschbox - Nachbarschaftshilfe und Müllvermeidung" in der Ratsversammlung am 22. November 2018

Foto: Martin Jehnichen

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,

wir alle kennen es. Wir bekommen etwas geschenkt, was wir schon haben oder nicht brauchen, wir misten zuhause mal wieder aus oder die Kinder sind größer geworden und rangieren Spielzeug, Bücher oder andere Dinge aus, die eigentlich noch in gutem oder sogar sehr gutem Zustand sind – zu schade, um sie zu entsorgen. Das ist ein fast täglich erlebbares Phänomen unserer Wohlstandsgesellschaft. Was tut man also? Man verschenkt unbrauchbare oder gar unliebsame Geschenke weiter, man sucht im Freundeskreis nach Abnehmern oder man wirft es einfach weg. Letzteres passiert einfach viel zu oft, wenn ersteres Zeit und Aufwand kostet und im Freundes- oder Verwandtenkreis meist kein Interesse besteht.

Was also kann man noch tun, damit die noch nützlichen Dinge von Wert nicht dem Müll, sondern einem sinnvollen Zweck zugeführt werden, unter Umständen auch Menschen helfen, bei denen der Wohlstand vielleicht noch nicht angekommen ist?

Die Givebox oder auch Tauschbox ist eine Möglichkeit, diesem Phänomen zu begegnen und Abhilfe zu schaffen. Sie ermöglicht, nützliche Dinge des täglichen Lebens anderen Menschen zur Verfügung zu stellen, statt sie zu entsorgen. Dies hilft nicht nur Müllaufkommen zu reduzieren, sondern eröffnet nachbarschaftliche Unterstützung auf ganz einfache Art. Die Givebox in Schleußig, die Anstoß für die beiden vorliegenden Anträge gab, ist mittlerweile seit fünf Jahren ein Treffpunkt für alle möglichen Menschen Schleußigs, um Dinge zu bringen, zu holen, sich zu unterhalten – Tauschen und miteinander austauschen – ins Gespräch kommen und sich gegenseitig helfen, Überraschungen säen und Überraschungen ernten. Sind das nicht die Dinge, die wir durchaus noch von früher kennen und seit Jahren immer stärker vermissen – sich nachbarschaftlich zu unterstützen, sich zu kennen, miteinander ins Gespräch zu kommen, statt in der Anonymität zu leben und sich nicht um die anderen zu kümmern?

Die Givebox ist ein Zeichen nachbarschaftlichen, solidarischen und sozialen Miteinanders – die Betreiber bemühen sich seit Jahren, dies am Leben zu halten, für Ordnung zu sorgen. Die Givebox ist in Schleußig unter dem Namen „Zauberbox“ bekannt – immer gut für Überraschungen für Jung und Alt, für Reich und Arm – sie sorgt regelmäßig für leuchtende Augen.

Und dann kommt jemand und beschwert sich, weil sich angeblich in den Abendstunden zu laut an der Givebox unterhalten wurde. Wie geht man mit so etwas um? Ist dies nicht in ähnlicher weise zu bewerten, wie wenn sich Menschen über zu laute Kinder auf dem Spielplatz beschweren? Oder sollte man nicht auch andere Menschen, die in unmittelbarer Nähe wohnen, um ihre Meinung bitten  - wie sie die Givebox täglich erleben, hinsichtlich Ruhestörungen, angeblicher Vermüllung und dem äußeren Erscheinungsbild?

Die Verwaltung geht einen radikalen Weg – sie übernimmt einseitig die zweifelhafte Beschwerde eines Anwohners als eigene Argumentation und fordert von den ehrenamtlichen Betreibern:

– Sondernutzungsgebühren, weil die Tauschbox im öffentlichen Raum steht,

– Schließzeiten ab 18 Uhr und an den Wochenenden

– ein einheitliches und einwandfreies äußeres Erscheinungsbild sowie

– sofortiges Beseitigen von Verunreinigungen im Umkreis von sage und schreibe 50m um die Givebox.

Das ist wirklich der Wahnsinn. Damit suggeriert man nicht nur, dass eine solche Tauschbox regelrecht dazu einlädt, seinen Sperrmüll auf der Straße zu entsorgen. Nein, man misst auch mit zweierlei Maß. Was würden Sie, Herr Oberbürgermeister dazu sagen, wenn der Stadtrat Sie dazu zwingen würde, alle Glasmüll-Sammelplätze der ALL oder auch die Textilsammelbehälter der Stadtreinigung mit verschließbaren Klappen zu versehen, die täglich ab 17/18 Uhr und an den Wochenenden verschlossen und vormittags wieder geöffnet werden müssen, damit es nicht zu unbefugten Befüllungen kommt? Und was wäre dann die Folge? Einige Leute würden vermutlich ihre Textiliensäcke oder Flaschen daneben stellen. DAS, also die Schließzeit, provoziert illegale Müllablagerung im öffentlichen Raum und nicht die Existenz einer Tauschbox.

Wir fordern daher in dem vorliegenden Antrag, Tauschboxen im Stadtgebiet als Modellprojekt zu ermöglichen, statt diese mit restriktiven Maßnahmen zu verhindern. Ermöglichen und fördern Sie dieses nachbarschaftliche, ehrenamtliche und solidarische Engagement, statt es im Keim zu ersticken.

Der öffentliche Raum gehört den Bürgerinnen und Bürgern, sie wollen ihn gemeinsam gestalten und am Leben halten. Wir dürfen nicht zulassen, dass Regeln, Bedingungen, Auflagen und Gebühren dieses Leben, diesen unseren öffentlichen Raum bestimmen und uns so unserer gesellschaftlichen Freiheit berauben.

Lassen Sie uns diese Freiheit – stimmen Sie für statt gegen die Givebox!

Hier gehts zum Antrag: https://www.gruene-fraktion-leipzig.de/index.php/pressemitteilungen-28/items/antrag-modellprojekt-givebox-nachbarschaftshilfe-und-muellvermeidung.html

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