Anfrage: Leipziger Kultur sicher genießen
Anfrage zur Beantwortung in der Ratsversammlung am 27. August 2025
In zahlreichen kulturellen Einrichtungen und bei Veranstaltungen in Leipzig engagieren sich bereits viele Akteur*innen für ein respektvolles Miteinander. Um dieses Engagement nachhaltig zu stärken, werden vielerorts Awareness-Strukturen verankert. Diese Strukturen bieten Besucher*innen bei Veranstaltungen konkrete Anlaufstellen und Unterstützung im Falle von Diskriminierung, übergriffigem Verhalten oder sexualisierter Gewalt.
Wir sehen hierin nicht nur einen Beitrag zur sozialen Verantwortung von Veranstalter*innen und der Stadt, sondern auch einen wichtigen Baustein zur Stärkung der kulturellen Vielfalt und Attraktivität Leipzigs – von Bach bis Werk II.
In der Zusammenfassung der Informationsvorlage - VIII-Ifo-00627, die den Ergebnisbericht der Kulturpartizipation Leipzig – Bevölkerungsbefragung „Betrachtung von Veränderungen des Nutzer/-innenverhaltens im Kulturbereich“ präsentiert, führt die Stadt aus:
„In der jüngsten Vergangenheit sind die Leipziger Kultureinrichtungen beispielsweise mit Sachbeschädigungen und Vandalismus oder einer medialen Debatte um Programminhalte einzelner Kultur-Orte konfrontiert gewesen. Natürlich sind dies zunächst nur Einzelbefunde, die Entwicklung sollte aber aufmerksam verfolgt werden.
Es gilt abzuwägen, inwieweit Leipziger Kultureinrichtungen zusätzliche Angebote zur Weiterbildung bereitstellen (rechtliche Schulungen, Schulungen zur Konfliktlösung, Awareness-Schulungen o.ä.) bzw. zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergreifen sollten. Auch eine dezernatsübergreifende Zusammenarbeit, um Menschen in schwierigen Lebenslagen zu unterstützen und gleichzeitig die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen zu entlasten, ist zu erwägen.“
Um wirksam Sicherheit im öffentlichen Raum und bei Veranstaltungen in der Stadt Leipzig zu fördern, hatte das Referat Gleichstellung schon 2023 gemeinsam mit an Großveranstaltungen beteiligten Ämtern wie dem Ordnungsamt, Kulturamt, Amt für Sport und anderen unter Einbeziehung externer Expertise einen Leitfaden inklusive einer praktischen Checkliste für städtische und private Veranstalter*innen erarbeitet und als Awareness-Leitfaden für Veranstaltungen in der Stadt Leipzig veröffentlicht.[1]
Auch der Nachtrat Leipzig fördert und fordert „die Entwicklung und Durchsetzung von Anti-Diskriminierungsarbeit, Gewaltprävention sowie Aufklärung und Risikominimierung im Gesundheitsbereich.“ Und er „fördert Maßnahmen zur Steigerung des subjektiven Sicherheitsgefühls im Zusammenhang mit nachtkulturellen Veranstaltungen.[2]
Wir fragen daher an:
- Wie unterstützt die Stadt Leipzig derzeit Veranstaltende und Kulturschaffende beim Aufbau von Awareness-Strukturen?
- Gibt es für Leipziger Kultureinrichtungen Angebote zur Weiterbildung, wie rechtliche Schulungen, Schulungen zur Konfliktlösung, Awareness-Schulungen o.ä.?
- Gibt es über den Awareness-Leitfaden für Großveranstaltungen hinaus Hinweise für Leipziger Kulturveranstalter*innen zu zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen?
- Sind Awareness-Strukturen in den Leipziger Eigenbetrieben der Kultur verankert?
- Gibt es Überlegungen, Awareness-Arbeit als festen Bestandteil bei der Vergabe von Fördermitteln oder Nutzung öffentlicher Räume zu verankern?
- Inwieweit kann die Stadt ein Konzept entwickeln oder mitentwickeln, welches Awareness-Arbeit stadtweit koordiniert und sichtbar macht?
[1] https://www.leipzig.de/newsarchiv/news/stadt-leipzig-beschliesst-awareness-leitfaden-und-sammelt-erste-praxiserfahrungen-bei-pilotprojekten
Antwort der Verwaltung vom 26. August 2025
zu Frage 1: Wie unterstützt die Stadt Leipzig derzeit Veranstaltende und Kulturschaffende beim Aufbau von Awareness-Strukturen?
Im Rahmen des Zweiten Gleichstellungsaktionsplans hat eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe unter Beteiligung externer Fachexpert/-innen der Initiative Awareness e. V. (Leipzig) und The Guardian Angels (Köln) den Awareness-Leitfaden für Veranstaltungen in der Stadt Leipzig erarbeitet, der privaten und städtischen Veranstalter/-innen bei Großveranstaltungen in Leipzig zur Umsetzung empfohlen wird. Dieser Leitfaden wird seitens des Ordnungsamts an externe Veranstalter/-innen zur Beachtung herausgegeben. Eine verpflichtende Berücksichtigung dieses Leitfadens für Veranstaltende im Rahmen von Sicherheitskonzepten ist rechtlich jedoch nicht möglich.
Die Stadtverwaltung bietet seit 2024 interne und externe Schulungen zum Thema an (siehe Antwort Frage 2).
Veranstaltende und Kulturschaffende können sich daneben an das die Referentin für Großveranstaltungen, den Fachbeauftragten für Nachtkultur, die Versammlungs- und Veranstaltungsbehörde im Ordnungsamt oder das Referat Gleichstellung von Frau und Mann wenden, um Beratungen zum Thema und Kontakte zu Dienstleistern, welche beim Aufbau von Awareness-Strukturen unterstützen können (siehe Antwort Frage 2), zu erhalten.
zu Frage 2: Gibt es für Leipziger Kultureinrichtungen Angebote zur Weiterbildung, wie rechtliche Schulungen, Schulungen zur Konfliktlösung, Awareness-Schulungen o.ä.?
2024 wurde erstmalig aufbauend auf den Awareness-Leitfaden der Stadt Leipzig ein ganztägiges Weiterbildungsformat mit dem Titel „Awareness auf Veranstaltungen - ein Hype oder die Zukunft?“ für freie Veranstalter/-innen in Leipzig im Auftrag der Verwaltung angeboten.
Inhalt: Awareness, Wokeness, Sensibilisierung – es gibt viele Begriffe, mit denen der Trend beschrieben wird. Einige Veranstalter/-innen beschreiben diesen als notwendige Entwicklung. Andere befürchten hierdurch Einschränkungen und finanzielle Einbußen. Ausgestaltet wurde die Weiterbildung von Prof. Dr. Daniel Brunsch, Gründer der Guardian Angels aus Köln, mit folgende Schwerpunkten.
Vormittag
- Klärung von Basisbegrifflichkeiten (z.B. Privilegien, Diskriminierung)
- Awareness im Veranstaltungskontext (praktische Ansätze)
- Diskussion und Anwendung des Leipziger Awareness-Leitfadens
Nachmittag
- Reflexion der eigenen Veranstaltungswerte und -haltungen
- Voraussetzungscheck zur Umsetzung auf eigenen Veranstaltungen
- Praktische Richtlinien in der professionellen Umsetzung von Awareness auf kleinen und großen Veranstaltungen
Ob die Weiterbildung auch in 2025 realisiert werden kann, ist angesichts der Haushaltssituation noch ungewiss. Eingeplant war die Maßnahme ursprünglich.
Verwaltungsintern wurden 2024 und 2025 im Rahmen des Fortbildungsprogramms jährlich die Seminare „Awareness-Grundlagenworkshop“ und „Erstellung von Awareness-Konzepten für eigenen Veranstaltungen“ angeboten. Dozent ist auch hier Prof. Dr. Daniel Brunsch. Eine Fortsetzung 2026 ist geplant.
Weiterhin ist mit der Initiative Awareness e. V. in Leipzig ein bundesweit renommierter Bildungsträger ansässig, welcher Workshops, Schulungen, Beratung, Begleitung, Vorträge, Informationsstände und Lehrmaterialien zum Thema Awareness für verschiedene Kontexte (Extern: Veranstaltungen sowie intern: Organisationen, Gruppen oder Strukturen) anbietet. Auch Anbieter, wie z.B. The Guardian Angels (Köln), welche in Leipzig die Awareness-Konzepte in der Fanzone der EURO 2024 und beim Turnfest 2025 sowie bei der Women’s EURO 2025 in der Schweiz erstellt und umgesetzt haben, können für solche Dienstleistungen angefragt werden.
zu Frage 3: Gibt es über den Awareness-Leitfaden für Großveranstaltungen hinaus Hinweise für Leipziger Kulturveranstalter*innen zu zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen?
Die Verwaltung gibt an externe Veranstaltende neben dem Awareness-Leitfaden ein Merkblatt für die Erstellung von Sicherheitskonzepten für Veranstaltungen und Versammlungsstätten aus. Weiterhin sei auf das auf das interne und externe Schulungsangebot sowie externe Dienstleister (siehe Antwort Frage 2) verwiesen.
zu Frage 4: Sind Awareness-Strukturen in den Leipziger Eigenbetrieben der Kultur verankert?
Folgende Beispiele von Awanress-Strukturen verschiedener Tiefen werden in den Eigenbetrieben, Regiebetrieben und Beteiligungen bisher umgesetzt:
- Die Leipziger Dok-Filmwochen GmbH (kein Eigenbetrieb) setzt im Rahmen des Filmfestivals seit 2022 ein Awareness-Team ein. Im Jahr 2024 wurde auch eine Community-Richtlinie aufgestellt.
- Das Museum der bildenden Künste (Regiebetrieb) hat gemeinsam im Team ein Leitbild entwickelt, das den internen Umgang mit Konfliktsituationen regelt.
- Das Schauspiel Leipzig (Eigenbetrieb) hat sowohl für die Beschäftigten als auch für Besuchender-/innen Strukturen für ein respektvolles Miteinander. Den Beschäftigten steht die AGG-Beschwerdestelle zur Verfügung. Ebenfalls bietet das Schauspiel Schulungen im Bereich Umgang/Prävention mit Diskriminierungen an. Ergänzt wird dies durch Angebote des Fürstenberg-Institutes, welche durch die Beschäftigten sehr gut genutzt werden. Den Besucher/-innen stehen eine geschulte Abenddienstleitung als auch geschulte Mitarbeiter/-innen des Abenddienstes als Ansprechpersonen zur Verfügung. Zudem wird jede Veranstaltung des Schauspiel Leipzig durch einen Leitungsdienst mit Hausrecht betreut. Außerdem unterliegt das Schauspiel Leipzig dem wertebasierten Verhaltenskodex des Bühnenvereins und setzt diesen konsequent um. Besucher/-innen haben im Weiteren die Möglichkeit, über die auf der Website des Schauspiel aufgeführten Mail-Adressen Kontakt aufzunehmen, um Hinweise, Anregungen oder Beschwerden zu kommunizieren.
- Innerhalb des Gewandhauses (Eigenbetrieb) gibt es Angebote für die eigenen Beschäftigten, auch im Umgang mit dem Publikum, (Beschwerdestelle, Gleichstellungsbeauftragte, Seminarangebote und Trainings zu Kommunikation und Umgang mit Konflikten, Konfliktbegleiter usw.). Das Gewandhaus verfügt über ein Beschwerdemanagement, in dem alle Anliegen gesammelt und individuell beantwortet werden. Beschwerden erreichen auch die Leitung Marketing, die diese je nach Thema und Sachlage auch zur Kenntnis an die Gewandhausdirektion weiterleitet. Auch für die Servicekräfte (Besucherservice) ist die Leitung Marketing erste Absprechpartnerin für sensible Themen. Diese Anliegen konnten bislang stets sehr zügig gelöst werden – in enger Abstimmung mit der Gewandhausdirektion und, wenn erforderlich, auch mit der Frauenbeauftragten.
- Für die Besucher der Oper Leipzig steht zu jeder Veranstaltung der geschulte Besucherservice sowie der Direktionsdienst, der über die Veranstaltung wacht und Ansprechpartner für jegliche Probleme und Situationen darstellt, zur Verfügung. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Oper gibt es ein Leitbild der, einen Verhaltenskodex, sowie die Möglichkeit, sich an die Gleichstellungsbeauftragte zu wenden. Konkrete Schulungen oder Weiterbildungen bietet die Oper Leipzig nicht an.
zu Frage 5: Gibt es Überlegungen, Awareness-Arbeit als festen Bestandteil bei der Vergabe von Fördermitteln oder Nutzung öffentlicher Räume zu verankern?
Nein, diese Überlegungen gibt es bisher nicht.
zu Frage 6: Inwieweit kann die Stadt ein Konzept entwickeln oder mitentwickeln, welches Awareness-Arbeit stadtweit koordiniert und sichtbar macht?
Awareness-Arbeit für städtische und freie Kulturbetriebe stadtweit zu koordinieren, ist nicht zielführend. Ein Awareness-Konzept muss in seiner Tiefe und Komplexität sehr individuell auf den betreffenden Ort mit seinen Bedarfen und Herausforderungen zugeschnitten sein und vom Ort / der Einrichtung selbst bzw. durch externe Dienstleister in enger Zusammenarbeit mit dem Ort / der Einrichtung erstellt werden. Zu den zu berücksichtigenden Aspekten zählen Punkte wie Zielgruppe, Publikum, Marketing, räumliche Ausstattung, Ausschank von Alkohol (ja/nein), Schulungsgrad der Angestellten, etc.
Überlegungen zu Mindeststandards von Awareness-Arbeit, Qualitäts-Siegel oder Pools von geschultem Personal für Veranstaltungen wurden innerhalb der städtischen Arbeitsgruppe für den Awareness-Leitfaden getroffen, sind bisher aber an personellen, finanziellen, organisatorischen und praktischen Hürden gescheitert. Finanzielle Mittel für eine Weiterentwicklung sind momentan nicht eingeplant.