Anfrage: Sicherstellung der Anschlussfinanzierung des Projektes „Familienlotsinnen“ des Vereins Familie im Zentrum e.V.

Anfrage vom 11. Juni 2026

Link zur Anfrage im Ratsinformationssystem

Das Projekt „Familienlotsinnen“ des Vereins Familie im Zentrum e.V. (ehemals Mütterzentrum e.V.) leistet einen wertvollen Beitrag zur sozialen Infrastruktur und zur Unterstützung von Familien in Leipzig. Das Angebot setzt frühzeitig und niedrigschwellig an, um Familien in einer oft besonders sensiblen Phase zu begleiten und zu entlasten. Durch persönliche Ansprache, Orientierung im Hilfesystem und die Vermittlung passender Unterstützungsangebote werden Zugänge geschaffen, die gerade für belastete oder schwer erreichbare Familien von hoher Bedeutung sind. Das Projekt verbindet Prävention, Beratung und Beziehungsarbeit auf eine Weise, die im Hilfesystem sonst oft nicht in dieser Form abgedeckt wird.  

Da die aktuelle Förderung über den Europäischen Sozialfonds (ESF) im Frühjahr 2027 ausläuft, steht das Projekt vor einer kritischen Zäsur. Ohne eine gesicherte kommunale Anschlussfinanzierung droht die Einstellung dieser wichtigen Arbeit. 

Eine Verstetigung über die befristete ESF-Förderung hinaus fachlich geboten. Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN spricht sich aufgrund der herausragenden Arbeit des Vereins ausdrücklich für eine dauerhafte Sicherung des Projektes aus, um die aufgebauten Strukturen, Erfahrungen und Vertrauensbeziehungen nicht zu verlieren.  

Wir bitten um Beantwortung folgender Fragen: 

  1. Wie bewertet die Verwaltung die Bedeutung des Projektes „Familienlotsinnen“ für die Leipziger Stadtgesellschaft und die soziale und familienbildende Arbeit im Stadtgebiet? 
  2. Welche Ergebnisse liegen aus den jährlichen Sachberichten und der bisherigen Evaluation bzw. Projektbewertung des Projektes vor und inwiefern fließen diese in die aktuelle Planung ein? 
  3. Welche Strategien verfolgt die Verwaltung, um die Fortführung des Projektes über das Ende der ESF-Förderung hinaus sicherzustellen? 
  4. Inwieweit plant die Verwaltung, dem zuständigen Jugendhilfeausschuss eine entsprechende Förderempfehlung für eine Anschlussfinanzierung in 2027/28 vorzulegen? 
  5. Welche weiteren Finanzierungsmöglichkeiten, etwa über andere Förderprogramme oder Kooperationen, sind aus Sicht der Verwaltung denkbar und finden dazu Austausche mit dem Verein statt? 

Antwort vom 30. Juni 2026

1. Wie bewertet die Verwaltung die Bedeutung des Projektes „Familienlotsinnen“ für die Leipziger Stadtgesellschaft und die soziale und familienbildende Arbeit im Stadtgebiet?

Das Modell der Familienlots/-innen hat sich als wirksames Angebot erwiesen, um Familien mit erhöhtem Unterstützungsbedarf frühzeitig zu erreichen, Barrieren abzubauen und den Zugang zu Hilfs- und Unterstützungsangeboten zu erleichtern. Die fachliche Ausrichtung auf Frühe Hilfen ermöglicht eine proaktive, präventive Arbeit statt reaktiver Interventionen.

Familienlots/-innen sind fest im Netzwerk Kinderschutz und Frühe Hilfen eingebunden.

Die Verwaltung sieht in Familienlots/-innen einen strategisch wichtigen Impuls für eine familienfreundliche, integrierte Stadtentwicklung in Leipzig. Eine nachhaltige Verankerung in den Frühen Hilfen sowie eine stabile Finanzierung sind zentrale Voraussetzungen, um den Nutzen langfristig zu sichern.

2. Welche Ergebnisse liegen aus den jährlichen Sachberichten und der bisherigen Evaluation bzw. Projektbewertung des Projektes vor und inwiefern fließen diese in die aktuelle Planung ein?

Die jährlichen Sachberichte der ESF liegen der Stadtverwaltung nicht vor, da die Stadt Leipzig an der Förderung nicht beteiligt ist. Der Träger FiZ Leipzig – Familie im Zentrum e. V. führt das Projekt „Familienlots/-innen“ aktuell noch an den Familienzentren in Thekla und Grünau durch. In den Jahresberichten 2025 für die Familienzentren ist der Träger auch kurz auf das ESF-geförderte Projekt „Familienlots/-innen“ eingegangen, obwohl es nicht Bestandteil der Kinder- und Jugendförderung ist bzw. sein kann (siehe Beantwortung der restlichen Punkte). Darin weist er darauf hin, dass seit mehreren Jahren eine Zunahme von Familien in besonderen Problemlagen und prekären Lebensverhältnissen beobachtet wird. Um diese Familien gezielt zu erreichen und nachhaltig an das Familienzentrum zu binden, hat sich das Projekt aus Trägersicht als besonders wirkungsvoll erwiesen. Die angestrebten 2/3 Nutzerzahlen konnten dabei übertroffen werden. Der Träger hat zur Beantwortung der Frage Auszüge aus der Sachberichterstattung für ESF der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt:

Durch das Projekt „Familienlots/-in“ in Grünau (25h/W; 0,641 VzÄ), angegliedert an das Familienzentrum „MüZeL“, kam es seit Projektbeginn am 01.08.2024 bis 31.12.2025 zu insgesamt 802 Nutzungen durch Familien im Sozialraum. Die Familienlots/-in in Mockau (25h/W; 0,641 VzÄ) ist angegliedert an das dortige Familienzentrum in der Kieler Straße. Hier kam es im gesamten bisherigen Projektzeitraum (01.02.2024 bis 31.12.2025) zu 832 Nutzungen durch Familien im Sozialraum. Nutzungen umfassen entsprechend des niedrigschwelligen Ansatzes

  •           Telefonische Kurzkontakte
  •           Unterstützung bei Recherchen zu psychosozialen und medizinischen Hilfs- und Unterstützungsangeboten
  •           Hausbesuche - Anbindungskontakte im Familienzentrum
  •           Begleitung zu Terminen bei Ärzt/-innen, Behörden, Wohnungsbesichtigungen o.ä. - Krisenintervention
  •           niedrigschwellige psychosoziale Beratung

Im Fokus der Arbeit stehen schwer erreichbare bzw. selten gehörte und mehrfach benachteiligte Zielgruppen, die insb. gekennzeichnet sind durch:

  •           Armutsbelastung
  •           Ein-Eltern-Familien
  •           Familien mit Flucht-/Migrationsgeschichte
  •           Behinderungserfahrung (Eltern und/oder Kinder)

Die Arbeit der Familienlots/-innen wirkt unmittelbar in den Familiensystemen, indem bei ersten Anzeichen drohender Kindeswohlgefährdung durch Überforderung frühzeitig, flexibel und ohne Wartezeiten der Kontakt hergestellt, Bedarfe eruiert, bei akuten Krisen unmittelbar interveniert und schnell Entlastung ermöglicht werden kann. Damit werden Eskalationsspiralen frühzeitig unterbrochen. Insb. akute Kindeswohlgefährdungen durch kurzzeitige, aber massive Überforderungssituationen, die insb. bei sozial isolierten Eltern(teilen) auftreten, können verhindert werden.

Die Wirkung anderer Leistungen, insb. im Bereich der HzE, wird erhöht, indem die Lots/- innen die Leistungen und Rahmenbedingungen der HzE erläutern, auf Grundlage des Vertrauens durch professionelle Beziehungsarbeit den Weg in die HzE anbahnen oder begleiten. Langfristige Hilfen können dadurch überhaupt in den Familien etabliert werden.

3. Welche Strategien verfolgt die Verwaltung, um die Fortführung des Projektes über das Ende der ESF-Förderung hinaus sicherzustellen?

Die Finanzierung im Rahmen der ESF-Förderung läuft 2027 aus. Eine nachhaltige Weiterführung des Angebots ist deshalb erforderlich, um den erreichten Nutzen zu sichern und eine kontinuierliche Unterstützung der Familien weiterhin sicherzustellen. Ob das Projekt auch ab 2028 weiter aus ESF-Mitteln gefördert werden kann, ist derzeit noch nicht bekannt. Das Angebot Familienlots/-innen gehört fachlich nicht zu den standardisierten Angeboten der Familienbildung nach § 16 SGB VIII, sondern ordnet sich bei Zielgruppe und Zugangswegen klar den Frühen Hilfen zu.

Es zielt darauf ab, Risikokonstellationen in frühen Lebensjahren zu erkennen, individuelle Unterstützungswege aufzuzeigen und Familien passgenau zu vernetzen. Die zentrale Zielsetzung liegt in der individuellen, frühzeitigen Unterstützung, nicht primär in der Bildungs- oder Präventionsvermittlung im klassischen Sinne der Familienbildung nach § 16 SGB VIII.

Eine Verankerung des Angebotes Familienlots/-innen sollte demnach im Bereich Frühe Hilfen (Präventions- und Unterstützungsangebote für Familien mit besonders unterstützungsbedürftigen Kindern) erfolgen. Der Freistaat Sachsen finanziert die Frühen Hilfen in der Stadt Leipzig über die FRL Präventiver Kinderschutz und Frühe Hilfen. In der Stadt Leipzig sind darunter das Netzwerk Kinderschutz und Frühe Hilfen, das PAAT (Präventiv aufsuchend arbeitendes Team) im Amt für Jugend und Familie und die Familienhebammen im Gesundheitsamt subsummiert.

Die Stadt Leipzig wird sich im Landesjugendamt Sachsen dafür einsetzen, die Fördermittel im Bereich der Frühen Hilfen für Leipzig aufzustocken, um das Angebot der Familienlots/- innen im Bereich Frühe Hilfen im Rahmen des regionalen Gesamtkonzepts in den Förderkanon aufzunehmen

4. Inwieweit plant die Verwaltung, dem zuständigen Jugendhilfeausschuss eine entsprechende Förderempfehlung für eine Anschlussfinanzierung in 2027/28 vorzulegen?

Der Jugendhilfeausschuss entscheidet über die Vergabe der Fördermittel unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel im Rahmen der Förderung von Trägern der freien Jugendhilfe gemäß §§ 11-14,16 SGB VIII. Da das Projekt Familienlots/-innen inhaltlich nicht den darin befindlichen Leistungsbereichen und Fachstandards entspricht, besteht keine Fördermöglichkeit über die entsprechende Fachförderrichtlinie der Stadt Leipzig über die Förderung von Trägern der freien Jugendhilfe. Gleichwohl prüft die Verwaltung andere Finanzierungsmöglichkeiten und wird den Träger auf potentiell geeignete Möglichkeiten hinweisen, so diese gegeben sind.

5. Welche weiteren Finanzierungsmöglichkeiten, etwa über andere Förderprogramme oder Kooperationen, sind aus Sicht der Verwaltung denkbar und finden dazu Austausche mit dem Verein statt?

Die Stadtverwaltung steht mit dem Träger in regelmäßigem Austausch. In bisherigen Gesprächen mit dem Träger wurde der Hinweis gegeben, dass Familienlots/-innen kein Angebot der Familienbildung gemäß § 16 SGB VIII (siehe Fachstandards) ist. Aus Sicht der Jugendhilfe kann von daher das Angebot Familienlots/-innen nach § 74 SGB VIII nicht gefördert werden. Im jüngsten gemeinsamen Gespräch zwischen Träger und Verwaltung vom 19.06.2026 wurde auf die unter 3. genannte Landesförderrichtlinie hingewiesen und eine Kontaktaufnahme mit dem zuständigen Referat im Landesjugendamt Sachsen angeraten. Darüber hinaus wurde die Kontaktaufnahme zum Netzwerke Frühe Hilfen | NZFH Frühe Hilfen empfohlen.

Zurück