Antrag: Clubkultur fördern

Antrag vom 9. Juni 2022

Beschlussvorschlag:

Der Oberbürgermeister wird beauftragt,

  1. bis zum 31. Dezember 2023 eine Evaluation der Clubszene und Livemusikspielstätten vorzulegen als Ist-Stands-Analyse mit Blick auf Größe, Lage und Besucherzahl der in Leipzig ansässigen Clubs und Livemusikspielstätten,
  2. diese Daten zukünftig regelmäßig in der Studie zur Kultur- und Kreativwirtschaft des Amtes für Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig zu erheben und diese fortzuschreiben,
  3. Fragen zur Bedeutung der Clubkultur für die Wahl des Studien-, Arbeits- und Lebensortes in die kommunale Bürgerumfrage aufzunehmen und
  4. die Clubkultur bei Neufassung des Kulturentwicklungsplanes der Stadt Leipzig als eigenständiges Kapitel aufzunehmen.

Begründung:

Die Durchführung einer Studie zu Umwegrentabilität und Nachtökonomie wurde bereits mehrfach diskutiert und angeregt. Unter Umwegrentabilität versteht man dabei den Umstand, dass der indirekte Nutzen einer Großveranstaltung oder einer bedeutenden touristischen, kulturellen oder infrastrukturellen Einrichtung für eine Region (Umwegrendite) diese gegebenenfalls insgesamt rentabel macht.

Das Problem ist ihre Darstellung: Zahlen über die ansässigen Betriebe in Städten oder Regionen schwanken erheblich je nach inkludierten Betriebstypen und Bemessungsgrundlagen. Mit dem Ergebnis, dass der ökonomische und kulturelle Wert, der geschaffen wird, sich nur sehr unzureichend quantifizieren lässt.

Diesen Mangel will das Konzept der „Nachtökonomie“ spezifisch für das Nachtleben, die Zeit nach 20 Uhr, beheben und neue Impulse geben. Ähnlich wie bei den „Creative Industries“, die im englischsprachigen Raum entwickelt wurden, leitet sich die Idee auch hier von der „Night-Time Economy“ ab, die in Großbritannien schon länger ein konkretes Zahlenwerk vorlegen kann. So erwirtschafteten Clubs, Pubs, Bars und andere Einrichtungen des Nachtlebens im Jahr 2014 satte 66 Mrd. Pfund (über 83 Mrd. Euro), ermittelte die „Night Time Industries Association“ (NTIA).

Die wachsende Stadt profitiert von einer überdurchschnittlich ausgeprägten Abend- und Nachtökonomie, die als Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor, und zunehmend bedeutsamer weicher Standortfaktor für Stadt und Region fungiert. So wurden in verschiedenen Städten bereits unmfangreiche Studien zur Nachökonomie durchgeführt.

Aus den dort gesammelten Daten sollen Handlungstipps werden, um das Nachtleben als Wirtschafts- und Kulturfaktor mit konkreten Ansatzpunkten zu fördern.

Zum Beispiel stärkere Integration in das Stadtmarketing und in die bislang auf Einkauf und Hochkultur fokussierte Innenstadt-Planung, erweiterter Bestandsschutz, engmaschigere ÖPNV-Anbindung in der Nacht (wurde in London im Anschluss an die lokale Night-Time-Economy-Erhebung umgesetzt),  Behebung von Lärm-Konflikten durch Gespräche der Akteure und nicht durch ordnungspolitische Handhabe. Interessant auch der Vorschlag zur „Multicodierung“ des Straßenraums – tagsüber für Autoverkehr zugelassen, abends Meile für Flaneure. Im gastronomisch sehr starken Berliner „Bergmannkiez“ wird zurzeit über die Schaffung einer „Begegnungszone“ mit Verkehrsberuhigung und Fußgängerbereich diskutiert.

Es ist unbestritten, dass Leipzig inzwischen über eine weit über die Stadt hinweg ausstrahlende Clubszene und Livemusikspielstätten verfügt, die regelmäßig am Wochenende auch Menschen in die Stadt lockt.

Diese Bedeutung abzubilden und das Thema stärker auch bei der Fortschreibung des Kulturentwicklungsplanes und in die Bürgerumfrage aufzunehmen ist daher höchste Zeit. Insbesondere auch deshalb um die Daten auch im Sinne der Clusterstudie zu nutzen und damit die wirtschaftliche Entwicklung der Livemusikspielstätten und Clubs gezielt begleiten zu können.

Verwaltungsstandpunkt:

Die Verwaltung macht folgenden Alternativvorschlag:

Der Oberbürgermeister wird beauftragt,

  1. bis zum 31. Dezember 2023 eine Evaluation der Clubszene und Livemusikspielstätten vorzulegen als Ist-Stands-Analyse mit Block auf Größe, Lage und Besucherzahl der in Leipzig ansässigen Clubs- und Livemusikspielstätten,
  2. diese Studie eigenständig fortzuschreiben,
  3. Fragen zur Bedeutung der Clubkultur für die Wahl des Studien-, Arbeits- und Lebensortes in die kommunale Bürgerumfrage aufzunehmen und
  4. die langfristige Entwicklung der Club- und Livemusikkultur im Rahmen des Zukunftskonzepts Nachtkultur Leipzig zu berücksichtigen.

Mithilfe einer Clubstudie (AT), die sich bereits seit dem Beschluss „VI-P-06527-DS-03 „Freiräume erhalten - Clubkultur schützen“ in Umsetzung befindet, und einer Erhebung im Rahmen der kommunalen Bürgerumfrage soll der wirtschaftliche und standortpolitische Wert nachtkultureller Einrichtungen in Leipzig regelmäßig qualifiziert und quantifiziert werden, um auf dieser Wissensgrundlage ein Zukunfts- und Entwicklungskonzept für die Leipziger Nachtkultur zu entwickeln, welches dann in eine mögliche Fortschreibung des INSEK 2030 einfließen kann.

Strategische Ziele

Die Club- und Livemusikkultur ist immanenter Bestandteil des Leipziger Kulturkanons, der die Stadt für seine Einwohnenden besonders attraktiv macht. Sie stellt ebenso einen erheblichen wirtschaftlichen Standortfaktor dar, der im Wettbewerb um Fachkräfte und Unternehmensansiedlungen eine große Rolle spielt. Des Weiteren sind Club- und Livemusikspielstätten ein Anziehungspunkt für Tages- und Übernachtungstouristen.

Sachverhalt

Zu Beschlusspunkt 1:

Der Beschluss zur Evaluation der Club- und Livemusikspielstätten wurde bereits durch

VI-P-06527-DS-03 „Freiräume erhalten - Clubkultur schützen“ gefasst. Das von den Projektbeteiligten (Amt für Wirtschaftsförderung und LiveKommbinat Leipzig e. V. in Abstimmung mit dem Dezernat Kultur) erarbeitete Konzept zur „Clubstudie“ (AT) sieht vor, dass eine Ist-Stand-Analyse erhoben wird, die die Anzahl der Spielstätten sowie deren Rechtsform, Gründungsjahr und Umsatzkennzahlen erfasst. Des Weiteren sollte über eine Gästebefragung die Besucherstruktur erhoben werden sowie kulturelle und soziale Bedeutung von Club- und Livemusikspielstätten eruiert werden.

Durch die Corona-Pandemie waren die Clubs und Livemusikspielstätten jedoch monatelang geschlossen, so dass die angedachte Evaluation nicht adäquat durchgeführt werden konnte. Bis dato hat sich der allgemeine Club- und Veranstaltungsbetrieb nicht ausreichend normalisiert, um über einen längeren Zeitraum repräsentative Daten zu erheben. In Austausch mit dem Fachbeauftragten für Nachtkultur, Vertretern des LiveKommbinats Leipzig e.V. und dem Kulturdezernat wurde gemeinsam über eine Verschiebung entschieden. Die Gespräche werden im 3. Quartal 2022 unter Einbeziehung der neuen Gesamtlage und externer fachlicher Expertise der Universität zu Köln (federführend bei der bundesweiten Clubstudie 2021) fortgeführt, um einen zeitnahen Start zu prüfen.

Dabei soll besonders das Thema Umwegrentabilität in Augenschein genommen werden und Ableitungen für den Wirtschafts- und Kulturstandort erfolgen. Die von der Clubstudie erhobenen Daten sind des Weiteren Grundlage für Erhebungen zur Nachtökonomie („Ökonomische Effekte der Nachtökonomie/Clubszene und Veranstaltungen im B2B-Bereich“), die im Rahmen des Touristischen Entwicklungsplans erhoben werden.

Zu Beschlusspunkt 2:

Die IT-, Medien- und Kreativwirtschaftsstudie eignet sich nicht für die Fortschreibung der Clubstudie. In der IT-, Medien- und Kreativwirtschaftsstudie werden alle sieben Subbranchen des Clusters regelmäßig betrachtet. Dabei werden Daten zu Anzahl der Betriebe und sozialpflichtig angestellten Mitarbeitern erhoben. Ziel ist es eine Übersicht zur Lage des gesamten Clusters zu erhalten. Die Club- und Livemusikspielstätten sind nur ein kleiner Aspekt der Subbranche „Künste und Musik“. Deswegen ist es sinnvoll, die Fortschreibung der Clubstudie eigenständig durchzuführen.

Zu Beschlusspunkt 3:

Aus Sicht der Verwaltung ist die Club- und Livemusikkultur schon jetzt ein erheblicher Standortfaktor, der im Wettbewerb um Fachkräfte und Unternehmensansiedlungen eine große Rolle spielt. Des Weiteren sind Club- und Livemusikspielstätten ein Anziehungspunkt für Tages- und Übernachtungstouristen.

Die Kommunale Bürgerumfrage ist eine Omnibusumfrage (Mehrthemenumfrage), die zum Ziel hat, mit einem breiten Themen- und Fragenspektrum Informations- und Entscheidungsgrundlagen für Stadtgesellschaft, Stadtverwaltung und Stadtrat zu bieten. Vor diesem Hintergrund ist der verfügbare Raum für neue Inhalte neben einem langfristigen Fragenkanon in hohem Maße begrenzt. Unter Anerkennung dieser Restriktionen ist eine Aufnahme von fokussierten Fragen zur Bedeutung der Club- und Livemusikkultur für die Wahl des Studien-, Arbeits- und Lebensortes möglich.

Eine Abfrage zur Einbringung von Fragen in die Kommunale Bürgerumfrage erfolgt einmal jährlich über den Verteiler "Fraktionen, Ämter und Referate der Stadtverwaltung sowie Eigenbetriebe". Die Frist zur Frageneinreichung reicht jeweils von Mai bis Anfang Juni. Das Kulturamt wird daher eine Auswahl von geeigneten Fragen zur Club- und Livemusikkultur zur nächsten Konzeptionsphase für die Erhebung 2023 einbringen.

Zu Beschlusspunkt 4:

Der letzte Kulturentwicklungsplan der Stadt Leipzig lief von 2016 bis 2020. Dieser wurde vom Integrierten Stadtentwicklungskonzept (INSEK) und dem Fachkonzept Kultur abgelöst. Bei einer möglichen Fortschreibung des INSEK sollte der Club- und Livemusikkultur eine stärkere Bedeutung zugemessen. Diese Bedeutung der Club- und Livemusikkultur erkennt die Stadtverwaltung bereits mit der Schaffung der Stelle des Fachbeauftragten für Nachtkultur im Kulturamt sowie der Beteiligung im NachtRat bereits an. Das Zukunftskonzept Nachtkultur, das auf Grundlage der Vorlage VII-A- 07077-VSP-001 ab 2023 mit viele Stakeholdern erarbeitet und dem Stadtrat zur Abstimmung vorgelegt werden soll, wird sich, wie im vorliegenden Antrag gefordert, mit der langfristigen Entwicklung der Club- und Livemusikkultur in Leipzig beschäftigen.

Realisierungs- / Zeithorizont

Beschlusspunkt 2: Fortlaufend nach erstmaligem Vorliegen der Clubstudie (AT)

Beschlusspunkt 3: Im Rahmen der kommunalen Bürgerumfrage 2023

Beschlusspunkt 4: Im Rahmen des Zukunftskonzepts Nachtkultur Leipzig (ab 2023)

Zurück