Antrag: Die Spur der Kohle und der Umweltbewegung in der DDR

Antrag vom 26. September 2022

Beschlussvorschlag:

Die Geschichte der Umweltbewegung der DDR ist wesentlicher Teil der Geschichte der Friedlichen Revolution und soll künftig als Teil der Leipziger Stadtgeschichte präsentiert werden.

Dazu wird der Oberbürgermeister beauftragt, analog zur Leipziger Notenspur, eine Spur der Umweltschutzgeschichte in der DDR und insbesondere die Geschichte der Umweltbewegung hinsichtlich des Energieträgers Kohle in Leipzig zu fördern und im öffentlichen Raum abzubilden. Als wesentliche Stationen sind dabei der Kulkwitzer See, die Großwohnraumsiedlung Grünau, die Umweltbibliothek Leipzig und das Leipziger Neuseenland sowie die Paul-Gerhardt-Kirche in Connewitz und die Pleiße einzubauen. Als herausragende Beispiele des Engagements der Umweltbewegung soll im öffentlichen Raum an den „Pleißepilgerweg 1988“ (Rio Phenole) und der Initiative „Stop Cospuden 1990“ gedacht werden.

Begründung:

Die jüngere Geschichte der Stadt Leipzig ist untrennbar mit dem Energieträger Kohle verbunden, seien es früher die Schlote von Thierbach, Böhlen oder Espenhain oder heute das Kohlekraftwerk Lippendorf. Auch die zahlreichen Tagebaufolgeseen künden davon.

Dennoch erfährt die Umweltbewegung in der DDR in der Gesamtbetrachtung der Geschichte der Friedlichen Revolution zu Unrecht nur eine untergeordnete Rolle.

Seit dem Beschluss des Ministerrats 1982 wurde in der DDR nicht mehr über Umweltprobleme berichtet und Umweltdaten wurden unter Verschluss gehalten, es formierten sich auch in der DDR und insbesondere in Leipzig Umweltgruppen.

Die Umweltbewegung der DDR gabelte sich im Wesentlichen in zwei Bereiche auf: die Umweltgruppen unter dem Dach der Kirche und die Umweltgruppen unter dem Dach des Kulturbundes, die beide erst im Zuge der Friedlichen Revolution zueinander fanden und letztlich am 23. November 1989 in der Gründung des Leipziger Ökolöwen gipfelten. Ein Bestandteil des Ökolöwen ist die gegründete Umweltbibliothek, sie entstand innerhalb der 1981 gegründeten „AG Umweltschutz“ des Leipziger Jugendpfarramtes. Sowohl Verein als auch Bibliothek und ihre Bedeutung sind deutschlandweit einmalig und werden bislang nicht im ausreichenden Maße wertgeschätzt.

Der Ökolöwe arbeitete an den Runden Tischen beim Rat des Bezirkes und der Stadt mit. Im Januar 1990 bezog der Verein eigene Räume im Haus der Demokratie und erreichte im ersten Jahr gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Stop Cospuden 1990“ das Ende des Braunkohlenabbaues im Tagebau Cospuden. So wurden große Teile des südlichen Auwaldes gerettet.

Das Verständnis der Umweltarbeit in Leipzig und auch die Bedeutung der Kohle für Leipzig ist bislang jedoch nicht ausreichend erinnerungspolitisch berücksichtigt. Dabei hatten auch die Umweltgruppen maßgeblich mit Einfluss auf den Zusammenbruch der DDR. 1981 etwa wurde die Arbeitsgruppe Umweltschutz als eine der ersten Ökologiegruppen in der DDR gegründet. Während sich die sogenannte AGU anfangs noch mit Einzelproblemen des Umweltschutzes befasste, wurden ab 1988 weitere gesellschaftliche Aspekte wie etwa Demokratiedefizite zur Sprache gebracht und das System grundlegend hinterfragt. Anlass für die Gründung der AGU war insbesondere auch die Situation der Pleiße. Der Fluss Pleiße galt ursprünglich als Lebensader der Stadt Leipzig. Die Pleiße wurde "verrohrt, verschüttet, abgedeckt und unterirdisch abgeleitet", weil sie biologisch tot war und eine enorme Geruchsbelästigung darstellte. Im Volksmund als "Rio Phenole" bezeichnet, stand der Fluss beispielhaft für die Umweltsituation der Stadt und der geschundenen Region rings um Leipzig. Der zunehmende Protest gipfelte im Pleißegedenkmarsch, der zu einer Welle von Repressionen führte und später auch in dem Buch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ von Peter Wensierski und im gleichnamigen Film seinen Niederschlag fand. Der Pleißegedenkmarsch war dabei die erste große illegale Demonstration.

Auch die Großwohnraumsiedlung Grünau, die für die Menschen aus den devastierten Dörfern bei Leipzig gebaut wurde, und der benachbarte Kulkwitzer See als einer der ersten Tagebaufolgeseen sind in das Erinnerungskonzept mit einzubeziehen.

Weder das Engagement der Umweltbewegten, noch ihre Bedeutung innerhalb der Friedlichen Revolution und für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen spiegelt sich aktuell auf den Seiten als auch in der Erinnerungskultur der Stadt in ausreichendem Maße wieder.

Den Zeitzeug*innen von damals eine angemessene Würdigung zu Teil werden zu lassen und die Bedeutung der Umweltgruppen deutlich zu machen ist für Leipzig als Stadt der Friedlichen Revolution unabdingbar.

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