Antrag: Erinnern an das ehemalige Durchgangsheim Leipzig-Connewitz bzw. Heiterblick

Antrag vom 13. Januar 2022

Beschlussvorschlag:

  1. Der Oberbürgermeister wird beauftragt, sich bei geeigneten Partnern aus Wissenschaft (bspw. Universität, HTWK) und Betroffenenverbänden (bspw. Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) e.V.) für eine Aufarbeitung der Arbeit des früheren Durchgangsheims in der Neudorfgasse 1 bzw. Torgauer Str. 351 einzusetzen. Für die Aufarbeitung sollen Zeitzeugen, wenn möglich ehemalige Insass*innen, bestehende Gedenkstätten wie der ehemalige geschlossene Jugendwerkhof Torgau, der Verein UOKG e.V. und die engagierte Zivilgesellschaft einbezogen werden.
  2. Der Oberbürgermeister wird beauftragt, in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Standortes Neudorfgasse 1 in Connewitz in angemessener Weise einen Ort des Gedenkens einzurichten und diesen in die in Erarbeitung befindliche „Konzeption zur Erinnerungskultur" aufzunehmen.

Begründung

In der Neudorfgasse 1 in Leipzig-Connewitz (bis 1977) und später in der Torgauer Straße 351 (ab 1977 im bzw. ab 1982 benachbart zum Spezialkinderheim) existierte ein Durchgangsheim der DDR. Die Durchgangsheime waren dem Heimsystem der DDR vorgelagert mit der Funktion, als erste Anlaufstelle Kinder aufzunehmen, um sie dann an weitere Heime zu verweisen.

Dabei waren die Durchgangsheime, darunter das Durchgangsheim in der Neudorfgasse, später Torgauer Straße, nicht den Kreisen bzw. Jugendämtern, sondern den Spezialkinderheimen und damit gemeinsam mit den Jugendwerkhöfen als sogenannte Korrekturanstalten den Bezirken bzw. dem Volksbildungsministerium unterstellt. Die Durchgangseinrichtungen unterlagen letztlich einer Zweckentfremdung durch die Sicherheitsorgane der DDR und bis zur Auflösung der großen D-Heime 1987 existierten keine pädagogischen Konzepte. Ihre Aufgabe bestand vorrangig darin, die Kinder und Jugendlichen fluchtsicher unterzubringen, entsprechend verschärfte Sicherheitsbestimmungen wurden im Zuge des Baus der innerdeutschen Mauer erlassen. (Vgl. Anke Dreier-Horning „Die Durchgangseinrichtungen der DDR – der lange Arm der Erziehungsdiktatur“ [1])

Den Kindern und Jugendlichen wurde kaum Schulbildung zugestanden, die Privatsphäre und das Eigentum der Kinder waren nicht geschützt. Oft trafen Untersuchungshäftlinge auf politisch Verfolgte, Kinder die aufgrund familiärer Zwischenfälle eine Unterkunft brauchten und aus anderen Heimen geflohene Kinder. Zeugen berichten von Gewalt durch das Personal, welches für diese Aufgabe nicht entsprechend ausgebildet war. Auch die vergitterten Fenster und hohen Mauern unterstrichen den die Freiheit entziehenden Charakter für die Insass*innen. (Vgl.: Dr. Christian Sachse: „Informationen und historischer Kontext zum D-Heim Leipzig, Neudorfgasse“; siehe Anlage)

Schon zu DDR-Zeiten wurde versucht, die Zustände in den Durchgangsheimen zu verbessern, 1987 wurden diese dann offiziell geschlossen, in einigen Fällen lediglich umgewandelt in Jugendwerkhöfe oder Aufnahmeeinrichtungen der Jugendhilfe.

Die bedrückende Geschichte der betroffenen Kinder und Jugendlichen und des Unrechts, das ihnen widerfahren ist, ist bis heute noch wenig aufgearbeitet und kaum im öffentlichen Bewusstsein präsent. Ehemalige Insass*innen von sogenannten „Durchgangsheimen“ wurden 2010 zwar ins Bundesrehabilitationsgesetz aufgenommen, es wurden jedoch kaum Verfahren erfolgreich zum Abschluss gebracht. Unter anderem im Sächsischen Staatsarchiv gibt es umfangreiche Unterlagen, die eine weitere Aufarbeitung der Arbeit des Leipziger D-Heims ermöglichen würden. [2]

Es wäre angemessen, wenn diese durch interessierte wissenschaftliche Einrichtungen wie etwa die Universität oder HTWK Leipzig ggf. auch in Kooperation mit dem bereits aktiven Verband UOKG, bestehenden Gedenkstätten wie dem ehemaligen Jugendwerkhof Torgau und ehemaligen Betroffenen vorangetrieben werden würde.

In Leipzig gibt es bislang keinen Ort, an dem Betroffene innehalten können, ihre Geschichten erzählt und die Erinnerung wachgehalten werden kann. Am heutigen Polizeirevier im brandenburgischen Bad Freienwalde hingegen, welches früher als Durchgangsheim genutzt wurde, erinnert heute eine Informationstafel an das ehemalige „Kindergefängnis“. [3] Eine solche oder ähnliche Form des Gedenkens wäre für Leipzig wünschenswert. Hierfür käme in erster Linie der ehemalige Standort des D-Heims in Connewitz, zusätzlich aber auch der spätere Standort in Heiterblick in Frage.


[1] https://aufarbeitung.brandenburg.de/wp-content/uploads/2019/02/Die-Durchgangseinrichtungen-der-DDR_Anke-Dreier-Horning.pdf
[2] https://archiv.sachsen.de/archiv/bestand.jsp?oid=04.01.04&bestandid=22178&syg_id=&_ptabs=%7B%22%23tab-veroeffentlichung%22%3A1%7D#veroeffentlichung
[3]https://www.kindergefaengnisbadfreienwalde.de

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