Antrag: Grundsatzbeschluss zur Erweiterung der räumlichen Kapazitäten für die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig
Antrag vom 20. Februar 2026
Link zum Antrag im Ratsinformationssystem
Beschlussvorschlag:
- Die Stadt Leipzig bekennt sich zu ihrer historischen Verantwortung und fördert die aktive Aufarbeitung und Erinnerung an die Verbrechen im Zusammenhang mit NS-Zwangsarbeit. Die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig soll als sichtbares Zeichen in der Mitte der Stadtgesellschaft in einem authentischen Ort über diese Verbrechen aufklären.
- Dafür soll die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig einen neuen, dauerhaften Standort zur Anmietung mit ausreichenden Räumlichkeiten für Ausstellungsflächen und die Durchführung von Bildungsangeboten erhalten.
- Das Kulturamt und das Liegenschaftsamt unterstützen die Gedenkstätte aktiv bei der Suche nach angemessenen Räumlichkeiten, bieten geeignete Gebäude/Standorte aus ihrem eigenen Portfolio proaktiv an und unterstützen bei der Vermittlung zu privaten bzw. externen Eigentümer*innen von Gebäuden.
- Die Stadt Leipzig unterstützt die Gedenkstätte archivarisch bei der Sammlung und Aufbewahrung von Zeugnissen und Objekten, die mit NS-Zwangsarbeit in Leipzig in Verbindung stehen.
- Der Kulturausschuss wird regelmäßig über die Fortschritte bei der Umsetzung unterrichtet.
Begründung:
Zwangsarbeit war während des Nationalsozialismus ein Massenphänomen und öffentlich sichtbares Verbrechen: Mehr als 75.000 Frauen, Männer und Kinder aus allen Teilen Europas wurden allein im Stadtgebiet Leipzig zur Arbeit gezwungen. Dabei wurden sie in verschiedenen Arbeitsgebieten eingesetzt: Bei städtischen Ämtern und kommunalen Unternehmen wie den städtischen Verkehrsbetrieben, in Handwerksbetrieben, als Haushaltshilfen, von privaten Firmen oder zur Trümmerbeseitigung nach Bombenangriffen. Die meisten verrichteten jedoch Zwangsarbeit in großen Rüstungsfirmen und ihren Zulieferbetrieben. Im Stadtgebiet Leipzig und dem nahen Umland entstanden zwischen 1939 und 1945 ca. 700 Lager und Sammelunterkünfte für die Unterbringung der zur Arbeit verschleppten Frauen, Männer und Kinder.
Im Mai 2000 verabschiedete die Leipziger Ratsversammlung die Resolution zum Programm „Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Leipzig“, was unter anderem die Einrichtung eines Besuchsprogramms sowie die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themenkomplexes für Leipzig beinhaltete. Im März 2001 beschloss die Ratsversammlung schließlich die Einrichtung einer Informations-, Dokumentations- und Begegnungsstätte für die ehemaligen NS-Zwangsarbeiter*innen. Aufgrund starker zivilgesellschaftlicher Bemühungen konnte im Dezember 2001 die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Rüstungsunternehmens HASAG eröffnet werden. In den letzten 25 Jahren hat sich die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig ein internationales Renommee erarbeitet. Sie ist ein wichtiger Akteur für die Erinnerung an die NS-Vergangenheit in Leipzig und sachsenweit eine feste Größe im Bereich der historisch-politischen Bildungsarbeit zum Thema NS-Zwangsarbeit. Darüber hinaus erhält sie jährlich zahlreiche Anfragen von Nachfahr*innen ehemaliger Zwangsarbeiter*innen, aber auch von Angehörigen ehemaliger Täter*innen sowie Betriebsangehöriger. 2025 waren es 130, mehr als 30 Familien und Angehörige von ehemaligen Zwangsarbeiter*innen sowie Angehörige von deutschen Angestellten bei der HASAG besuchten die Gedenkstätte. Durch Interviews mit Zeitzeug*innen sowie durch die Entgegennahme von historisch bedeutsamen Objekten wie Tagebüchern oder Fotoalben als Leihgaben können wertvolle Erfahrungen und Berichte aus der NS-Zeit für die Nachwelt festgehalten werden. Gleichzeitig stellt die Gedenkstätte diese Artefakte und die daraus erwachsenden Erkenntnisse auch für weitere Nachfahr*innen von ehemaligen Zwangsarbeiter*innen, für Besucher*innen und Interessierte zur Verfügung.
Mit dem gewachsenen Aufgabenbereich ist auch die Anzahl der Mitarbeitenden stetig gestiegen. Gleichzeitig hat die Gedenkstätte ein massives Platzproblem: Ihr stehen lediglich 50 qm Ausstellungsfläche zur Verfügung, die mangels gesonderter Workshopräume parallel für die Bildungsarbeit mit Schüler*innen genutzt werden muss.
Im September 2024 befasste sich die Ratsversammlung erneut mit der Situation der Gedenkstätte. Auf Grundlage einer Petition der Gedenkstätte für Zwangsarbeit entschied der Rat zum Einen, für das direkt neben dem Standort der Gedenkstätte befindliche ehemalige KZ-Außenlager der HASAG in der Kamenzer Straße 12 ein bauhistorisches Gutachten zu erstellen, welches die Begehung der Innenräume einschließen sollte. Das inzwischen erstellte Gutachten zeigt klare Hinweise für die Denkmalwürdigkeit des Bauwerks auf und liegt aktuell dem Landesamt für Denkmalpflege zur Einschätzung vor.
Darüber hinaus entschied die Ratsversammlung, zu prüfen, „wie … in Leipzig ein Erinnerungs- und Dokumentationsort aussehen kann, der […] die Weiterentwicklungspläne der Gedenkstätte in Form einer räumlichen Vergrößerung an einem anderen Standort unterstützt.“ Somit wurde der Grundstein für die Suche nach einem neuen Standort für die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig gelegt. Auf Vermittlung der Stadt Leipzig fand einige Zeit später eine Begehung des Kohlrabizirkus statt, welcher von dem städtischen Unternehmen LEVG in den nächsten Jahren zu einem Standort für gemeinwohlorientierte kulturelle, sportliche und freizeitmäßige Nutzung entwickelt wird. Da aber die Entwicklung des Gebäudes diesbezüglich nicht sicher ist, sollen weitere Optionen geprüft werden.