Antrag: Konzept zur Stärkung der Nordwestaue unter Betrachtung landwirtschaftlicher Flächen erstellen

Antrag vom 12. Mai 2021

Beschlussvorschlag:

Die Stadtverwaltung wird beauftragt,

  1. im Rahmen des Auenentwicklungskonzepts zu prüfen, wie die bestehenden landwirtschaftlichen Nutzflächen in der Nordwestaue entwickelt werden können, um sich in das Ökosystem Auwald, z.B. als charakteristische Offenflächen und Grasland einzufügen,
  2. hinsichtlich der weiteren Entwicklung gemäß Punkt 1 frühzeitig Gespräche mit den Eigentümern der entsprechenden Flächen in der Nordwestaue aufzunehmen und geeignete Handlungsoptionen zu entwickeln.

Bis zum 4. Quartal 2021 legt die Stadt den zuständigen Ausschüssen die Ergebnisse vor.

Begründung:

In der Leipziger Aue ist der Lebensraumtyp Wald der einzige naturnahe Lebensraumtyp, der in den letzten 500 Jahren an Flächen und Dichte zugenommen hat.

Dem hingegen sind auentypische Offenlandbiotope mit Nasswiesen- und Stromtalarten der Lebensraumtyp, der in den letzten 150 Jahren mit weitem Abstand den größten Flächen- und Artenverlust hinnehmen musste. Nicht wenige ehemalige Auenwiesen sind heute Sportanlagen (z.B. Frankfurter Wiesen = Red-Bull-Arena und viele weitere Sportanlagen) oder Kleingartenanlagen.

Hinzu kamen Schuttberge (z.B. Bauernwiesen = heute Fockeberg), die Stadterweiterung (z.B. Teile von Schleußig) oder kleinere ergänzende Aufforstungen (z.B. im Küchenholz). Wesentliche Teile des Auengrünlandes, wie der Pfingstanger wurden erst in den 1980er Jahren von Grünland in Ackerland umgewandelt. Ehemalige Auenwiesen, wie die Nonnenwiese, könnten ihre ursprüngliche ökologische Funktion gar nicht mehr erfüllen, da sie heute als Hunde-, Sport- und Erholungsrasen einem viel zu großen Nutzungsdruck durch die Bevölkerung unterliegen. Und auch im Clara-Zetkin-Park beginnen wir gerade erst, wieder naturnahe Wiesen zu etablieren.

Gerade auch vor dem Hintergrund des Insektensterbens und Insektenschutzes benötigt unser Auensystem wieder deutlich mehr artenreiche auentypische Offenlandbiotope. Zu den gefährdetsten und deshalb besonders zu schützenden Vogelarten gehören Arten, die eine weitläufige Offenlandschaft ohne Agrarwüsten benötigen. Und auch der besonders geschützte und im Leipziger Auwald brütende Schwarzmilan benötigt neben dem Wald als Bruthabitat artenreiche Offenlandflächen als Nahrungs- und Jagdhabitat.

Historisch betrachtet begann vor ungefähr 14.000 Jahren die Etablierung von lichter Pionierbaumvegetation im Urstromtal. Zu dieser Zeit lebte in unserer Region eine ganze Reihe von Großherbivorenarten (Bulldozerarten). Aus ökologischem Wissen ist herzuleiten, dass diese durch optimale Ausnutzung der natürlichen Ressourcen die Landschaft relativ offen hielten. Vor 8.000 Jahren waren mit Berg-Ahorn und Stiel-Eiche wesentliche Baumarten des heutigen Auwaldes etabliert.

Der Bereich der Leipziger Aue gehört zu den am schnellsten und am dichtesten besiedelten Bereichen Mitteldeutschlands nach der Eiszeit.

Der ca. 7.000 Jahre alte Brunnenfund von Schkeuditz belegt, dass die im Gebiet sesshaften Bandkeramiker bereits über die Baukunst der Verfachung von Holz verfügten und dies mit Steinzeitwerkzeugen. Es ist davon auszugehen, dass sie im Rahmen ihrer Mittel der Produktivität die Landschaft optimal ausnutzten. Haustiere hatten als Weidevieh die Großherbivoren zunehmend verdrängt. Die ältesten schriftlichen Quellen zum Ausgang des Mittelalters belegen, dass die Leipziger Aue ein sehr abwechslungsreich strukturierter Lebensraum mit reichlich holzfreien Bereichen war.

Die vorhandenen Waldbereiche wurden in dieser vorindustriellen Zeit um ein vielfaches intensiver genutzt, als heute. Für die Versorgung der Region mit ausreichend Feuerholz musste der Floßgraben gebaut werden, da das eigene Holz nicht mehr ausreichte. Es gab Gras- und Weiderechte, die auf lichte Gehölzstrukturen schließen lassen, wie wir sie heute im Clara-Zetkin-Park vorfinden. Für die Waldflächen wurde die bekannte Kritik aufgeführt, dass die Blößen im Walde größer seien als die holzbestandenen Flächen. Die älteste maßstäblich skalierbare kartografische Darstellung, die Sächsischen Meilenblätter aus dem Jahr 1806 belegen, dass zwischen Pfingstanger und Gundorf der Wechsel zwischen Wiesen- und Waldflächen kleinteiliger, der Wiesenanteil aber etwas größer war, als heute.

Dies bedeutet, die Landschaft war strukturreicher und Strukturreichtum ist auch ein ganz wesentlicher naturschutzfachlicher Wert. Seitdem sind kleinere, vor allem inselartige Waldflächen abgeholzt, aber auch Wiesenflächen nach dem Lehmabbau und einer teilweisen Wiederverfüllung aufgeforstet wurden. Die einzig größerflächige Abholzung zwischen 1806 und 1940 erfolgte im Bereich von Schlobachs Hof. Dahingegen sind die großflächigen Wiesen „hinter dem Forst“ heute der Hinterforst.

Die erste Umwandlung von Auenwiesen in Ackerflächen erfolgte im Bereich des Forstweges zwischen 1923 und 1940 (Quelle: Königlich sächsische Messtischblätter aus den Jahren 1923 und 1940), also wahrscheinlich zeitgleich mit dem Bau der Neuen Luppe und der damit verbundenen Abtrennung der Aue von natürlichen Hochwässern. Die zweite Umwandlung von Auenwiesen in Ackerflächen erfolgte am Pfingstacker erst Mitte der 1980er Jahre und damit wenige Jahre vor der politischen Wende. Zu diesem Zeitpunkt waren nach topografischer Karte der DDR die heutigen Ackerflächen nordwestlich von Gundorf am Dammweg noch Wiesen, im Luftbild von 1990 Ackerflächen. Der Umbruch von Wiesen- zu Ackerflächen erfolgte am Pfingstanger und bei Gundorf also erst wenige Jahre vor dem gesetzlichen Verbot einer solchen Umwandlung.

An die lange Zeit traditionell bewirtschafteten Flächen hatten sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende Lebensgemeinschaften mit vielen Arten angepasst, bzw. die entstandenen ökologischen Nischen ausnutzend hier angesiedelt.

Die Änderung der Wald- und Offenlandnutzung in den letzten 150 Jahren (Aufgabe der Mittelwaldwirtschaft, Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft) hatten zur Folge, dass viele früher hier heimische Arten verdrängt wurden oder in ihrem Fortbestand stark gefährdet sind und wir für ihre Erhaltung eine besonders hohe naturschutzfachliche Verantwortung haben. Aus diesem Grund ist es essentiell, dass Ackerflächen in der Aue, die im Rahmen des zukünftigen Auenrevitalisierungsprogrammes wieder einer natürlichen Wasserdynamik mit gelegentlichen Überflutungen zugeführt werden sollen, weitestgehend zurück in Auengrünland und nicht in Auwald verwandelt werden. Dies gerade auch mit Hinblick auf den Biotopverbund, bei dem ein Blick auf die Karte genügt, um zu sehen, dass in der nordwestlichen und der südlichen Aue die Gehölzbiotopflächen weitestgehend zusammenhängend sind, während zwischen den Auenwiesen teilweise erhebliche Entfernungen liegen, von den Entfernungen zwischen funktional intakten Auenwiesen ganz zu schweigen.

Eine Aufforstung der ehemaligen Wiesen- und jetzigen Ackerflächen in der Nordwestaue würde zudem den Strukturreichtum der Auenlebensräume weiter reduzieren und muss auch aus diesem Grund naturschutzfachlich abgelehnt werden.

Zurück