Antrag: Männer brauchen Beratung – für die Bewältigung von Lebensaufgaben und -krisen und mentale Entlastung
Antrag vom 27. Mai 2026
Link zum Antrag im Ratsinformationssystem
Beschlussvorschlag:
Die Stadt Leipzig schreibt die Einrichtung einer Beratungsstelle für allgemeine Männerberatung aus und sichert die Finanzierung im Rahmen des Haushaltes ab 2027 ab. Männer sollen sich mit allgemeinen Lebensthemen wie Familie und soziale Beziehungen, Arbeit oder Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung sowie Fragen zu Elternschaft und Lebensplanung an die Beratungsstelle wenden können.
Dabei soll neben allgemeiner sozialer Beratung vor allem auch psychosoziale Beratung angeboten werden, die sich männliche Sozialisierung und spezifisch männliche Problemlagen bewusst macht.
Begründung:
Im Ergebnis unserer mehrjährigen Befassung mit problematischen Männlichkeitsvorstellungen, dem Einfluss dieser auf das Verhalten von Männern und die Ausübung von Gewalt mit umfassenden Konsequenzen beantragen wir, der Expertise von Männerberater*innen zu folgen und Männerberatungsstellen zu implementieren.
Die Gewalterfahrung von Frauen führte vor Jahrzehnten bereits zum Aufbau von Frauenberatungsstellen und Schutzeinrichtungen, welche in Folge des Gewaltschutzgesetzes nun auch verbindlich implementiert sind. Später folgte eine Öffnung von Beratungsangeboten auch für queere Personen.
Im Bereich Kinderschutz sind ebenfalls umfassende Konzepte implementiert und werden stetig vertieft und ausgebaut.
Für Männer gibt es keine allgemeinen Anlaufpunkte. In der Regel erst mit der gerichtlichen Auflage nach ausgeübter häuslicher Gewalt erfahren Männer von der Beratungsstelle TRIADE, an die sie sich zur Bearbeitung des eigenen gewalttätigen Verhaltens wenden können. Wenn sie selbst gewaltbetroffen sind, können sie sich für Beratung an den lemann e.V. wenden. Im Rahmen der Vermittlung von gleichstellungsbezogener Bildungsarbeit gehen genannte Einrichtungen auf Anfrage auch an Schulen und erreichen junge Männer; allerdings wird hier nur ein Bruchteil der Jugendlichen und jungen Männer erreicht. Auch fügen sich Angebote der Aidshilfe und der Rosalinde in die Versorgungsstruktur, welche Männer anspricht, hier aber zielgruppenspezifisch.
Aus dem Fachdiskurs ergibt sich daher die Forderung nach Männerberatung als Grundversorgung und die Stärkung feministischer Jungen- und Männerarbeit.
Männlichkeit steckt nicht per se in der Krise, aber gesellschaftliche Krisen und Verunsicherungen wie die Krise unseres Wirtschaftssystems, Krieg sowie die zunehmende Bedrohung unserer Demokratien durch autoritäre Strömungen lassen patriarchale Männerbilder wieder massiv aufleben. Alte, überholte Verhaltens- und Kulturmuster gewinnen wieder an Attraktivität, weil sie Sicherheit zu geben scheinen. Wir erleben auch vielzählig reflektierte Männer, die jedoch kaum Angebote finden. Parallel zum patriarchalen Backlash gibt es progressive Aufbrüche: Ein sehr großer Teil der Männer stimmt inzwischen der Aussage zu, dass Gleichstellung wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist.
Diese positive Entwicklung zu fördern und Männern Handlungskompetenz in eigenen Krisen oder Krisen nahestehender Personen vermitteln zu können, ist Ziel dieses Antrages.
Verwaltungsstandpunkt vom 05. August 2026
Der Antrag wird abgelehnt.
Begründung:
Die Stadt Leipzig verfolgt das Ziel, Beratung so auszugestalten, dass sie allen Bürgerinnen und Bürgern offensteht und alle Menschen darin gut erreicht werden. Ein Angebot, das sich für jede Gruppe getrennt entwickelt, kann die Hilfelandschaft unübersichtlich machen und damit selbst neue Zugangshürden schaffen. Neue zielgruppenspezifische Angebote sind daher vor allem dort sinnvoll, wo ein konkreter Bedarf besteht, den die vorhandenen Strukturen nicht abdecken.
Für die im Antrag genannten Lebensthemen steht bereits ein breites Netz offener Angebote zur Verfügung. Dazu zählen die allgemeine soziale und psychosoziale Beratung, die Suchthilfe und Suchtprävention, die Familien- und Erziehungsberatung einschließlich der städtischen Jugendberatung sowie die Selbstständige Ambulanz für sexualtherapeutische Prävention des Universitätsklinikums Leipzig. Hinzu kommen landes- und bundesweite Angebote zur Männergesundheit sowie die Selbsthilfekontakt- und Informationsstelle (SKIS), die auch mehrere männerspezifische Selbsthilfegruppen vermittelt, etwa für Väter oder für männliche Betroffene sexualisierter Gewalt.
Wo ein konkreter Bedarf belegt war, hat die Stadt bereits gezielt gehandelt. Mit Beschluss VIII-HP-10234-NF-02 hat der Stadtrat eine Schutzwohnung für von häuslicher Gewalt betroffene Männer bei lemann e.V. eingerichtet. Ergänzend arbeitet die Beratungsstelle TRIADE mit Menschen, die ihr gewaltausübendes Verhalten bearbeiten wollen, unabhängig vom Geschlecht und auch auf freiwilliger Basis. Für die im Antrag beschriebenen allgemeinen Lebensthemen wie Familie, Trennung oder Arbeit besteht aus Sicht der Verwaltung kein vergleichbar konkreter, ungedeckter Bedarf. Sie werden bereits durch die oben genannten offenen Beratungsangebote abgedeckt.
Das im Antrag beschriebene Anliegen ist fachlich nachvollziehbar. Es ist gut belegt, dass Männer Beratung im Bereich psychischer Gesundheit seltener nutzen als Frauen, während ihre Suizidrate zugleich deutlich höher liegt. Die Forschung führt dies vor allem auf Sozialisation, tradierte Männlichkeitsbilder und eine geringere Gesundheitskompetenz zurück. Daraus folgt aber nicht, dass eine eigene Männerberatungsstelle die wirksamste Antwort wäre. Zielführender ist es, die vorhandenen Angebote so weiterzuentwickeln, dass Männer sich davon angesprochen fühlen. Dazu gehören eine zeitnahe Terminvergabe, eine geschlechtersensible Ansprache und der Abbau von Hemmschwellen gegenüber professioneller Beratung.
Die fachliche Ausgestaltung und Bewerbung der einzelnen Angebote liegen weiterhin vor allem bei den freien Trägern, die bereits heute eigenverantwortlich Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Die Stadt kann darüber hinaus im Rahmen ihrer koordinierenden Aufgabe prüfen, wie sie bestehende städtische Informationskanäle stärker nutzt, um Männer gezielt anzusprechen und Hemmschwellen abzubauen.
Ergänzend verweist die Verwaltung auf die im Gleichstellungsaktionsplan vorgesehene Kampagne zu vielfältigen Jungen- und Männerbildern, die zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Hilfesuche bei Männern beitragen kann.