Antrag: Tauben nachhaltig schützen - Taubenschläge einrichten
Antrag vom 13. November 2025
Link zum Antrag im Ratsinformationssystem
Beschlussvorschlag:
Die Stadtverwaltung wird beauftragt,
- zwei betreute Taubenschläge als Pilotprojekte in der Leipziger Innenstadt und auf dem Lindenauer Markt einzurichten. Dafür sind verschiedene Finanzierungsvarianten für die Taubenschläge in Rücksprache mit den entsprechenden Taubenschutzvereinen zu prüfen und dem Stadtrat im 2. Quartal 2026 vorzulegen.
- bis zum 2. Quartal 2026 gemeinsam mit Taubenschutzvereinen und dem Tierschutzbeirat weitere Maßnahmen zum Taubenschutz zu entwickeln, die der Populationskontrolle, der Tiergesundheit und der Stadtsauberkeit dienen.
Begründung
Die Situation der Tauben in Leipzig ist fatal. Sie leiden und kämpfen jeden Tag ums Überleben. Schon lange hat man sich an das Bild der in Städten lebenden Tauben gewöhnt, sodass kaum hinterfragt wird, wie die eigentliche Situation der Tiere aussieht. Dabei ist das Leben der Stadttauben alles andere als artgerecht, sondern ein Leben voll schwerwiegenden Folgen, seitdem man sie ihrem Schicksal überlassen hat.
Insbesondere im Stadtzentrum und am Lindenauer Markt gibt es große Schwärme wildlebender Stadttauben. Die größten Schwärme leben derzeit am Augustusplatz (ca. 200 Tiere), am Hauptbahnhof (ca. 170 Tiere) am Richard-Wagner-Platz (ca. 150 Tiere) und am Lindenauer Markt (ca. 400 Tiere) - Tendenz steigend. Weitere Hotspots mit mehreren Hundert Tieren sind: Thomaskirche, Eisenbahnstraße, Raiffeisenstraße.
Immer öfter sind Bürger*innen um den alarmierenden Zustand der in Leipzig an den Hotspots lebenden Tauben besorgt, melden verletzte, hungernde oder tote Tiere bei der Stadt, ehrenamtlichen Vereinen oder sind selbst durch Einnistung der Tiere an Gebäuden betroffen. Auch eine aktuelle Petition (VIII-P-01915 Betreuter Taubenschlag in Leipzig für den Bereich Lindenauer Markt) beschäftigt sich mit diesem Thema.
Zudem wirken sich hungernde, verletzte oder gar tote Tauben sowie Verschmutzungen negativ auf das gesamte Stadtbild und die Menschen aus. Diese Verhältnisse und unnatürlichen Umstände führen häufig zu Konflikten. Zusätzlich werden Tauben fälschlicherweise oft als Schädlinge betrachtet. Viele Menschen fühlen sich durch Taubenschwärme belästigt, weil Verschmutzungen durch Taubenkot an Häusern, im Umfeld von Restaurants, auf Fahrzeugen etc. zu Verärgerung führen.
Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern vom Menschen domestizierte Haustiere und Nachkommen von Haus-, Zucht- und Brieftauben. Sie begleiten den Menschen bereits seit Jahrhunderten: Sie lieferten Eier, Federn und Fleisch; als Brieftauben überbrachten sie Nachrichten. Als Nutztiere wurden sie mit hoher Reproduktivität gezüchtet und brüten daher bis zu 8 Mal pro Jahr mit je 2 Jungtieren. Heute haben Tauben keinen “Nutzen” mehr, wurden ausgesetzt und verlassen und wurden ihrem Schicksal überlassen. Sie leben in Dächern, auf Balkonen und an Fassaden – immer in der Nähe des Menschen, weil sie von ihm (darauf gezüchtet) abhängig sind. Die Tiere vermehren sich ganzjährig, finden kein artgerechtes Futter oder Brutplätze und sind damit bestraft, täglich ums Überleben zu kämpfen und hauptsächlich nach Nahrung zu suchen. Dabei erleiden sie oft schwere Fußverletzungen, etwa durch abgeschnürte Zehen, weil sich Fäden oder anderes um ihre Füße wickeln.
Stadttauben sind Körnerfresser, finden aber aufgrund ihres Umstandes kein artgerechtes Futter, sind daher oft abgemagert und ernähren sich hauptsächlich von Abfällen und Speiseresten. Daraus resultiert der sogenannte “Hungerkot”, der sowohl Reinigungsgebühren kostet, als auch das Stadtbild beeinträchtigt. Auf Grund dieser mangelhaften Ernährungslage ist die Sterblichkeit sehr hoch: die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei nur etwa 2 Jahren – im Gegensatz zu Haustauben, die bei artgerechter Haltung bis zu 15 Jahre alt werden können. Die Alttiere können ihre Jungtiere unter den widrigen Umständen kaum versorgen, viele der Jungtiere verhungern noch im Nest. Zudem kommen viele Tiere an unsachgemäßen Vergrämungsmaßnahme zu Schaden, sie verunfallen im Straßenverkehr oder durch Kollisionen mit Glasflächen. In einigen Fällen werden Tauben auch gezielt verletzt oder misshandelt. In Leipzig sind dokumentierte Fälle bekannt, in denen Stadttauben angeschossen oder mutwillig eingesperrt wurden. Unsachgemäße Fütterungen durch beratungsresistente Personen verschärfen die Lage für die Tiere.
Mindestens 148 hilfsbedürftige Stadttauben aus nur einem Verein aus Leipzig wurden bereits im Jahr 2025 durch ehrenamtliche Päppler*innen gepflegt.
Bislang kümmern sich in Leipzig die AG Stadttauben des Vereins Pro Lebensglück und der Stadttaubenhilfe Leipzig um Stadttauben in Leipzig.
Um das Leid der Tiere zu beenden und auch das Stadtbild zu verbessern, sind betreute Taubenschläge ein erfolgreiches, tierfreundliches und nachhaltiges Mittel, das sich bewährt gezeigt hat.
Durch Taubenschläge können Eier getauscht und die Population kontrolliert und verringert werden. Bestehende wilde Brutplätze in der Nähe von Taubenschlägen werden verschlossen. Die Tauben halten sich 70–90 % des Tages im Taubenschlag und in dessen unmittelbarer Umgebung auf, da durch die Fütterung im Schlag die Suche nach Futter entfällt. Durch den regelmäßigen Tausch der Eier mit Attrappen gibt es wesentlich weniger Tiere und das Leid wird erheblich verringert. Der meiste Kot wird im Taubenschlag abgesetzt, kann gesammelt entsorgt werden und spart daher Reinigungskosten für Gebäudeeigentümer und die Stadt.
Da die Tauben im Schlag gefüttert und medizinisch betreut werden, gibt es keine ausgehungerten Tiere und verletzten Tiere im Stadtbild. Die Stadttaube wird wieder mehr respektiert.
Teilt man die Kosten und den Arbeitsaufwand für ein städtisches Taubenkonzept unter verschiedenen Akteuren auf (bspw. Stadt Leipzig, Deutsche Bahn, Objekteigentümer, Spenden, Anlieger), verringern sich Aufwand und Finanzierung für den Einzelnen deutlich. Nach diesem Prinzip verfahren mittlerweile viele Städte, die bereits erfolgreich betreute Taubenschläge betreiben (Bsp. siehe unten).
Maßgeblich für den Erfolg ist die Zusammenarbeit zwischen der Kommune und den ehrenamtlichen Vereinen, welche für die Betreuung der Taubenschläge zuständig wären. Ehrenamtliche Vereine können bei der Planung, Errichtung und Betreuung eines Taubenschlages personell und fachlich unterstützen.
Die Errichtung eines Taubenschlages kostet ca.: einmaliger Posten 1.500,00 – 20.000,00€
Erfolge durch betreute Taubenschläge sind u.a.:
- Basel (Schweiz): Seit Einführung mehrerer betreuter Taubenschläge konnte die Taubenpopulation von rund 25.000 auf etwa 8.000 Tiere gesenkt werden und die Verschmutzung der Stadt wurde reduziert. Gleichzeitig gingen Beschwerden und Verschmutzungen deutlich zurück.
- Stadt Augsburg: 10 Taubenschläge und 2 Taubentürme. Damit wird das Stadtgebiet mit ca. 5 t Kot / Jahr entlastet, die fachgerecht in den Taubenschlägen entsorgt werden. Pro Jahr werden 6.000 Eier getauscht. Zuschuss der Stadt Augsburg: 30.000 € p.a.; https://www.augsburg.de/umwelt-soziales/umwelt/umweltstadt-augsburg/stadttaubenkonzept
- Stadt Bernau: 1 Taubenschlag am Bahnhof mit 200 Tauben, die Stadt Bernau unterstützt bei den Futterkosten mit 400 € / Monat (insgesamt betragen die Futterkosten 2.700 € / Monat) und übernimmt den Abtransport des Taubenkots
- Aachen: circa 6000 getauschte Eier jährlich
- Bielefeld: ca.600 Eier jährlich
Weitere Städte mit betreuten Taubenschlägen sind Ditzingen, Düsseldorf, Tübingen, Wiesbaden, Wien und weitere.