Rede von Gesine Märtens am 28. Mai 2026 zum Antrag "Grundsatzbeschluss zur Erweiterung der räumlichen Kapazitäten für die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig"
Foto: Martin Jehnichen- es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Beigeordnete, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,
Mehr als 75.000 Menschen.
An mehr als 700 Einsatzorten.
Untergebracht an rund 400 verschiedenen Wohn- und Lagerorten in der ganzen Stadt.
Mindestens 5.000 Menschen haben diese Gewalt in Leipzig nicht überlebt.
5.000 Tote.
5.000 zerstörte Leben.
5.000 Schicksale, hinter denen Familien, Hoffnungen und Geschichten standen.
Zwangsarbeit im Nationalsozialismus war kein verborgenes Verbrechen irgendwo weit entfernt. Sie war mitten unter uns. Mitten in Leipzig. In Fabriken, auf Baustellen, in Werkhallen, in Betrieben, in kommunalen Einrichtungen.
Allgegenwärtig. Teil des wirtschaftlichen und städtischen Alltags in Leipzig.
Gerade deshalb ist die Erinnerung daran bis heute so schmerzhaft.
Denn niemand kann ernsthaft sagen: Man habe davon nichts gewusst. Die Lager waren da. Die Menschen waren da. Die Gewalt war sichtbar.
Sie geschah mitten in unserer Stadtgesellschaft.
Und genau deshalb kommt die Erinnerung oft so spät. Weil sie uns zwingt, nicht nur auf „die Täter irgendwo anders“ zu schauen, sondern auf das Wegsehen selbst. Auf das Funktionieren. Auf die Normalisierung von Unrecht.
Die Gedenkstätte für Zwangsarbeit leistet hier seit Jahren eine unschätzbar wichtige Arbeit.
Sie macht sichtbar, was allzu lange unsichtbar bleiben sollte.
Sie bewahrt die Zeugnisse der Opfer.
Sie erzählt die Geschichten der Menschen, deren Namen und Leben ausgelöscht werden sollten.
Und sie erinnert uns daran, dass Demokratie und Menschenwürde niemals selbstverständlich sind.
Mit dem „Konzept Erinnerungskultur“, das die Stadtverordneten 2023 beschlossen haben, haben wir uns ausdrücklich zu dieser Verantwortung bekannt.
Jetzt geht es um die praktische Umsetzung.
Die Gedenkstätte braucht neue Räumlichkeiten.
Darum ist es wichtig, dass geprüft wird, welche Gebäude im Eigentum der Stadt, ihrer Tochtergesellschaften, des Freistaates oder des Bundes geeignet sind. Und darum ist es auch richtig, das ehemalige KZ-Außenlager in der Kamenzer Straße in diese Prüfung weiter einzubeziehen.
Denn Orte tragen Erinnerung in sich.
Und manchmal entscheidet sich an Gebäuden ganz konkret, ob Geschichte sichtbar bleibt – oder erneut verschwindet.
Wir sind aufgefordert zu helfen: konkret und solidarisch.
Solidarität ist nicht kostenlos.
Solidarität kostet Kraft.
Sie entsteht dort, wo Menschen mehr tun als erwartet. Wo man über sich hinauswächst. Wo man Prioritäten anders setzt.
Und gerade in schwierigen Zeiten ist Solidarität eine unverzichtbare Haltung.
Und genau diese Haltung brauchen wir jetzt in unserer Stadt.
Die Archivalien, die in der Gedenkstätte lagern, sind keine beliebigen Aktenbestände. Es sind Zeugnisse von Verfolgung, Leid und Entrechtung. Es sind oft die letzten materiellen Spuren von Menschen, deren Leben zerstört wurde.
Wenn wir solche Zeugnisse verlieren, verlieren wir auch ein Stück Wahrheit über diese Stadt.
Wir haben in Leipzig eines der größten kommunalen Archive Deutschlands. Deshalb muss es möglich sein, gemeinsam Lösungen zu finden, um besonders schützenswerte Dokumente und Zeugnisse zu sichern.
Und ich erwarte ausdrücklich, dass sich die Verwaltung angesichts von Unrecht und Verbrechen niemals auf den Standpunkt zurückzieht:
„Wir können nichts tun.“ „Wir haben kein Geld.“
Die Frage ist auch hier nicht: Was können wir uns leisten? Die Frage ist: Worauf wollen wir auf keinen Fall verzichten?
Und ich finde: Auf die Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Zwangsarbeit darf diese Stadt niemals verzichten.
Denn ein „Wir können nichts tun“ darf nie wieder akzeptabel werden.
Nicht angesichts von Entrechtung.
Nicht angesichts von Menschenverachtung.
Nicht angesichts verschwindender Zeugnisse der Opfer.
Die Unterstützung der Gedenkstätte ist deshalb nicht nur eine organisatorische Frage. Sie ist eine Frage der Haltung.
Eine Frage, ob wir solidarisch sind mit den Opfern und ihren Geschichten.
Eine Frage, ob wir Verantwortung ernst meinen.
Ich bitte Sie deshalb um Zustimmung zu diesem Antrag.
Vielen Dank.