Rede von Gesine Märtens zum Antrag „Institutionelle Förderung des Literaturhauses Leipzig e. V. ab 2027 – Stärkung der Leipziger Literatur- und Verlagslandschaft“
Foto: Martin Jehnichen- es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Herren und Damen Stadträte, werte Gäste und Medienvertreter,
Literatur ist kein Luxus. Sie ist kein schmückendes Beiwerk der Zivilisation, kein Zeitvertreib für Mußestunden, kein Ornament der Bildungseliten.
Literatur ist ein Grundnahrungsmittel der Menschlichkeit.
Denn was geschieht, wenn wir lesen? Wir verlassen die engen Grenzen unseres eigenen Lebens und betreten andere Wirklichkeiten.
Wir sehen mit fremden Augen, fühlen mit fremden Herzen, denken mit fremden Gedanken.
Kein politisches Programm, kein Lehrbuch, kein Algorithmus vermag das, was ein einziger Satz vermag, der uns trifft: uns verwandeln.
Literatur ist das älteste demokratische Medium der Welt. In ihr spricht nicht nur Macht, sondern auch Zweifel. Nicht nur Sieger, sondern auch Besiegte.
Nicht nur das Offizielle, sondern das Verdrängte. Wo Literatur lebt, lebt Widerspruch. Und wo Widerspruch lebt, lebt Freiheit. Wer Literatur schwächt, schwächt die Vorstellungskraft einer Gesellschaft.
Und eine Gesellschaft ohne Vorstellungskraft verliert zuerst ihre Zukunft und dann sich selbst.
Denn Fortschritt beginnt immer als Erzählung, als Gedanke, der noch nicht Wirklichkeit ist, aber möglich sein könnte. Bücher sind die Labore der Zukunft.
Literatur ist auch Widerstand. Gegen Vereinfachung. Gegen Sprachverarmung.
Gegen das laute, schnelle, flache Urteil. Sie verlangt Geduld, Genauigkeit, Hingabe.
Wer liest, lernt unterscheiden. Wer unterscheiden kann, ist schwer zu verführen.
Darum fürchten autoritäre Systeme Bücher mehr als Parolen.
Aber Literatur ist nicht nur Schutzschild. Sie ist auch Trost. Sie hebt den Einzelnen aus der Einsamkeit und flüstert ihm zu:
Du bist nicht allein mit deinem Zweifel, deiner Angst, deiner Hoffnung.
Jahrhunderte alte Stimmen antworten uns noch heute und wir antworten ihnen, indem wir weiterlesen.
Eine Welt ohne Literatur wäre eine Welt ohne inneren Raum. Ohne Tiefe. Ohne Echo.
Eine Welt, die nur funktioniert, aber nichts mehr bedeutet.
Darum müssen wir Literatur verteidigen - und das Leipziger Literaturhaus
in politischen Haushaltsdebatten, in digitalen Räumen. Nicht aus Nostalgie.
Sondern aus Notwendigkeit.
Denn solange Menschen Geschichten erzählen und lesen, solange sie Worte suchen für das, was sie bewegt, solange lebt etwas Unersetzliches:
die Fähigkeit, sich eine andere Welt vorzustellen - und sie möglich zu machen.