Rede von Marsha Richarz am 25. März 2026 zum Antrag "Einrichtung eines digitalen Stellenpools für inklusive Praktikumsplätze am ersten Arbeitsmarkt"

Foto: Martin Jehnichen

- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Kolleg*innen der demokratischen Parteien, sehr geehrter Oberbürgermeister und Bürgermeister*innen, sehr geehrte Presse und sehr geehrte Gäste auf der Bühne und im Livestream,

Wir machen es Lehrkräften in diesem Land wirklich nicht leicht. Als ich vier Jahre lang als Förderschullehrerin an einer inklusiven Schule gearbeitet habe legte mir nicht nur das LaSuB regelmäßig Steine in den Weg, sondern unter anderem auch auch der Arbeitsmarkt.
Neben der Kerntätigkeit Unterricht vor- und nachzubereiten und durchzuführen war ich unter anderem eben auch Jobvermittlerin. Ich hatte zwei Schüler*innen mit Down Syndrom in der neunten Klasse und stand vor der Herausforderung einen Praktikumsplatz außerhalb der Werkstatt für sie zu finden. Sie sollten genauso vielfältige Berufseinblicke bekommen wie ihre Mitschüler*innen und herausfinden, welche Tätigkeiten ihnen zusagen und welche nicht. Berufliche Praktika sind für alle Schüler*innen wichtig – Aber auch für die Betriebe. Im besten Fall profitieren beide Seiten davon.

Die Suche war hart, über Kontakte der Eltern fanden wir eine Praktikumsstelle in einem mittelgroßen Unternehmen, das nach anfänglicher Skepsis begeistert war. Eine der Schülerinnen arbeitet mittlerweile über das Budget für Ausbildung in einem Café, das regelmäßig ihre Arbeitsstunden aus Überzeugung erhöht.

Was ich damit ausdrücken möchte: Wir müssen in der Inklusion von Menschen mit Behinderung, vor allem mit zugewiesener geistiger Behinderung, schon in der Schule anfangen. Wir wollen mit unserem Antrag genau da ansetzen. Ein Portal, in dem man Betriebe finden kann, die offen sind für Schüler*innen mit Behinderung, senkt Hürden und spart Zeit für die Vermittlung.

Der Wille bei Lehrkräften Alternativen zur Werkstatt zu finden ist oft da, die Kapazitäten die Eltern bei der Suche zu unterstützen oder selbst zu suchen, wenn die Jugendlichen in einer Wohngruppe wohnen, fehlen oft im Schulalltag und so landet der Großteil der Schüler*innen mit Förderbedarf Geistige Entwicklung in der Werkstufe, also Klasse 10-12, zur Berufsorientierung eben doch in der Werkstatt, weil es die einfachste und schnellste Lösung ist. Fast niemand, der einmal in diesem System gelandet ist kommt da noch raus und arbeitet dauerhaft für einen lächerlichen Lohn von 1,50€.

Es ist also keine Stigmatisierung, wenn wir Praktikumsplätze als inklusiv markieren. Wir senken dadurch eine erste Hürde und zeigen, wo sich Lehrkräfte, Eltern oder Schüler*innen selbst hinwenden können. Und nur, weil sich ein Unternehmen theoretisch bereit erklärt ein inklusives Praktikum anzubieten heißt das nicht, dass man sofort jede Bewerbung annehmen muss. Wir haben nie gefordert, dass Unternehmen pauschal Schüler*innen mit Förderbedarf aufnehmen sollen – Natürlich braucht es hier auch, wie übrigens bei allen anderen Schüler*innen ohne Förderbedarf, auch ein Vorgespräch, um eine geeignete Tätigkeit zu finden.

Auch mit der Herausstellung des Förderschwerpunktes Geistige Entwicklung wollten wir niemanden stigmatisieren. Es ist statistisch nun mal so, dass es diese Gruppe am schwersten auf dem ersten Arbeitsmarkt hat. Eben weil sie in unserer Gesellschaft stigmatisiert sind -  also negativ bewertet und ausgegrenzt aufgrund ihrer Behinderung. Um das aufzubrechen müssen wir eben auch den Unternehmen endlich die Chance geben positive Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung zu machen, damit sie erkennen, welche Bereicherung sie als Arbeitskraft sein könnten.

Und ja, die Stadt unterstützt und veranstaltet schon einige Konferenzen und Veranstaltungen zum Thema Inklusion am Arbeitsplatz. Bei der letzten Inklusionskonferenz des BBW im Dezember war ich selbst anwesend. Doch auch hier vermisste ich die Perspektiven für Menschen mit zugeschriebener geistiger Behinderung sehr, während ich gleichzeitig wertschätzend anerkennen kann, dass sich für andere Förderschwerpunkte wie z.B. körperlich-motorisch oder für Gehörlose schon einiges getan hat. Und genau deshalb braucht diese eine Personengruppe eine Lobby, eine Unterstützung für sie hier im Stadtrat. Im Beirat für Menschen mit Behinderung fühlte sich dadurch übrigens niemand stigmatisiert, vielmehr ging ihnen unser Antrag nicht weit genug.

Wir begrüßen den VSP sehr, ich habe vergangene Woche noch mit Frau von der Bruck, Frau Jakob und Frau Schröder telefoniert, die für den Bereich Berufsorientierung zuständig sind, und bedanke mich für diese Zeit an der Stelle mir das Vorhaben zu erklären. So geht konstruktive Zusammenarbeit, ich freue mich, dass der Antrag ein intensiveres Nachdenken und einen Austausch mit Unternehmen zur Inklusion angestoßen hat. Wenn wir den VSP heute positiv votieren wird es in Zukunft einen Filter für Inklusionsbeauftragte geben. Somit können Praktikumssuchende darüber Unternehmen finden, die offen sind für Jugendliche mit Behinderung, und haben auch direkt die Kontaktdaten. Hiermit stellen wir also den VSP zur Abstimmung und ich bitte Sie um ein positives Votum.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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