Rede von Marsha Richarz und Anne Vollerthun am 25. Juni 2025 zum Antrag "Inklusives Willkommen – Für einen barrierefreien Zugang zum Willkommenszentrum"

Foto: Martin Jehnichen

- es gilt das gesprochene Wort -

Diese Rede wurde gemeinsam von den Stadträtinnen Marsha Richarz und Anne Vollerthun vorgetragen.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrte Beigeordnete, sehr geehrte Stadträtinnen und Stadträte der demokratischen Fraktionen,

sehr geehrte Zuschauer*innen auf der Tribüne und im Livestream,

Wie willkommen fühlen Sie sich, wenn Sie 30 Minuten brauchen, nur um einen Raum zu betreten? Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine fremde Stadt, sprechen die Sprache kaum, suchen dringend Hilfe – und dann stehen Sie vor einer Treppe. Mit Ihrem Rollstuhl. Oder Ihrem Kinderwagen. Oder mit einem schmerzenden Knie. Und die einzige Alternative? Ein 30-minütiger Umweg. 30 Minuten, nur um einen Raum zu betreten, der "Willkommenszentrum" heißt. Die "rollende Reporterin" Chris Gaida hat es getestet: Eine halbe Stunde braucht ein Mensch mit Mobilitätseinschränkung, um vom Eingang des Gebäudes bis in die Beratungsräume unseres Willkommenszentrums zu gelangen. Eine halbe Stunde! In dieser Zeit könnte man einen ganzen Beratungstermin absolvieren.

Das, liebe Kolleg*innen, ist kein Willkommen. Das ist ein Hindernis. Das ist eine Botschaft, die sagt: "Du gehörst nicht dazu." Und das in einer Einrichtung, die genau das Gegenteil vermitteln soll.

Das Willkommenszentrum Leipzig leistet wichtige, essentielle Arbeit und dient täglich vielen Menschen als erste Orientierungshilfe. Der Anspruch dabei ist eine gut gelebte, einladende Willkommenskultur. Seit 2018 ist das Willkommenszentrum die erste Anlaufstelle für Migrant*innen - ob Fachkräfte, internationale Studierende, Geflüchtete, zugezogene Ehepartner*innen, internationale Wissenschaftler*innen und viele mehr.  

Das Zentrum dient als Beratungsstelle für alle Menschen mit Migrationshintergrund - unabhängig von Ihrem Aufenthaltsstatus - die neu nach Leipzig gezogen sind oder bereits in der Stadt leben.  

Ziel ist es, das Ankommen der Menschen so einfach, freundlich, angenehm und vor allem auch niedrigschwellig wie möglich zu gestalten. Und genau deshalb wünschen wir uns auch eine einfache, barrierefreie Erreichbarkeit und klare, erkennbare Sichtbarkeit von außen für diesen Ort.

Leipzig hat den Ruf als vielfältige, offene und inklusive Stadt. Gut so. Ihr beliebter Charakter zehrt auch davon, dass Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen hier ein Zuhause finden, sich einbringen und Leipzig so diverser, inspirierender und lebenswert machen.

Mit unserem Antrag, und auch mit unserer gemeinsamen Rede, wollen wir zu all diesen positiven Attributen die Intersektionalität in den Ring werfen. Ein intersektionaler Ansatz zeigt, wie sich soziale Identitäten von Menschen überlappen. Dabei sammeln sich diskriminierende Erfahrungen an und verstärken sich. Wie eben bei einem nicht barrierefreien Zugang zu einem Willkommenszentrum für Menschen mit Migrationshintergrund. Und wenn wir weiterhin Diskriminierungserfahrungen im Rahmen der Integration, Inklusion, im Feminismus und weiteren Feldern vereinzelt betrachten kommen wir nur in kleinen Schritten voran. Das würden wir in Zukunft gerne ändern. Zum Beispiel mit einem niedrigschwelligen und barrierefreien Zugang zum Willkommenszentrum wollen wir also gleich zwei Diskriminierungserfahrungen minimieren und verhindern: Jede Person mit internationaler Geschichte soll sich von Anfang an willkommen fühlen und einen leichten Zugang zu Beratung haben - und nicht erst nach einem Umweg von 30 Minuten.

Bereits vor einem Jahr wurde dieser Antrag gestellt und nach langem Warten begrüßen wir den Verwaltungsstandpunkt sehr. Mit dem Vorschlag des Umzugs in den ersten Stock wird nicht nur unser Anliegen erfüllt, sondern es können auch Kräfte gebündelt und wertvolle Synergien geschaffen werden, wenn das Willkommenszentrum in 2026 auch räumlich in der Nähe des Referats für Migration und Integration ist. Wir hoffen auf eine zügige Umsetzung im Jahr 2026.

Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bitten Sie, dem Verwaltungsstandpunkt zuzustimmen, den wir hiermit zur Abstimmung stellen.

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