Rede von Tobias Peter am 2. September 2026 zum Antrag "Erhalt des stadtbildprägenden Silberahorns am Wilhelm-Leuschner-Platz durch Anpassung der Baukörper"
Foto: Martin Jehnichen- es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, werte Beigeordnete, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,
heute geht es um zwei Bäume – und doch um viel mehr: Es geht um die Frage, wie wir in Leipzig, inmitten unserer Stadt mit unserem grünen Erbe umgehen.
Der vorliegende Antrag unserer Fraktion fordert die Verwaltung auf, sich gegenüber Bund und Freistaat als Bauherren des nördlichen Baufelds am Wilhelm-Leuschner-Platz dafür einzusetzen, den Erhalt des mindestens 80 Jahre alten Silberahorns und des benachbarten Bergahorns als verbindliche Vorgabe in den geplanten Architektenwettbewerb für Forum Recht und Juristische Fakultät aufzunehmen. Eine Fällung der Bäume deutlich vor Baubeginn soll ausgeschlossen werden.
Das Thema ist alles andere als neu und es ist dennoch hochaktuell. Die zurückliegenden Hitzewochen mit Rekordtemperaturen haben uns alle vor Augen geführt, wie wichtig insbesondere Bäume für das Stadtklima sind. Das zeigt sich grade am Wilhelm-Leuschner-Platz mit seinen großen Asphaltflächen und dem vorhandenen Stadtgrün. Es gab in den letzten Jahren viel Diskussionen und Protest zu den Baumfällungen auf dem Leuschnerplatz. Der NABU hatte gegen die Baumfällungen und Rodungen geklagt. In zweiter Instanz hat das Oberverwaltungsgericht Sachsen (OVG) geurteilt, dass die Fällgenehmigung, die die Stadt Leipzig für Bäume am Wilhelm-Leuschner-Platz 2020 erteilt hatte, rechtswidrig war.
Diese Fällungen sind nun nicht mehr rückgängig zu machen. Umso mehr müssen wir alles dafür tun, dass der noch bestehende wertvolle Baumbestand gerettet wird.
Worum geht es?
Der Bebauungsplan Nr. 392 sieht aktuell den Verlust von zwei stadtbildprägenden Bäumen, einem Silberahorn und einem Bergahorn in der Nähe des ehemaligen Bowling-Treffs vor. Wir haben bereits bei Beschluss des B-Plans ihren Erhalt beantragt, aber keine Mehrheit gefunden.
Doch die Rahmenbedingungen haben sich geändert: Die Haushaltslage von Bund und Freistaat ist angespannt. Das Raumprogramm des Forum Rechts wurde bereits von 6.700 auf 4.300 Quadratmeter reduziert. Auch die Realisierung der Juristischen Fakultät im ursprünglich geplanten Umfang ist unsicher. Damit gibt es nun Spielräume – Spielräume, die wir nutzen müssen, um diese Bäume zu retten!
Der Silberahorn und der Bergahorn sind lebendige Zeugen der Natur, die seit Jahrzehnten das Stadtbild prägen. Gerade am Standort des geplanten Naturkundemuseums wäre ihr Erhalt ein starkes Symbol: Hier wird nicht nur über Natur geforscht – hier wird sie auch gelebt und geschützt. Deshalb wünscht sich das Naturkundemuseum auch ausdrücklich ihren Erhalt.
Die Verwaltung argumentiert, die Bäume seien geschädigt, ihre Vitalität eingeschränkt, und ihr Erhalt würde die städtebauliche Planung gefährden. Lassen Sie uns diese Argumente genauer betrachten:
- „Die Bäume sind geschädigt.“
Ja, beide Bäume weisen Schäden auf – der Silberahorn wird als „leicht geschädigt“ eingestuft, der Bergahorn ebenfalls. Doch das Gutachten des Sachverständigenbüros Steinert von März 2024 kommt zu dem Schluss: Die Standsicherheit ist gegeben.Die verbleibende Lebenserwartung wird auf mindestens 20 Jahregeschätzt – bei Verbesserung der Standortsituation sogar länger. 20 Jahre sind kein kurzer Zeitraum! In 20 Jahren können wir die Bäume weiter pflegen, ihren Zustand verbessern und vielleicht sogar ihre Lebensdauer verlängern. Fällungen sind irreversibel – Pflege und Schutz sind es nicht. - „Der Erhalt würde die Bebaubarkeit einschränken.“
Die Verwaltung rechnet mit einem Flächenverlust von ca. 3.800 m² Geschossfläche. Doch: Die geplanten Nutzungen sind ohnehin in Frage gestellt.Das Forum Recht braucht weniger Fläche, die Juristische Fakultät vielleicht auch. Warum also nicht die Chance nutzen, die Baukörper anzupassen – ohne die grundsätzlichen Planungsziele zu gefährden?Eine geringfügige Verschiebung der Baulinie könnte den Erhalt der Bäume ermöglichen, ohne das städtebauliche Gesamtbild zu stören. - „Die Bäume können durch Neupflanzungen ersetzt werden.“Nein, können sie nicht.Ein 80 Jahre alter Silberahorn hat eine ökologische Wirksamkeit, die neu gepflanzte Bäume erst in Jahrzehnten erreichen. Alte Bäume sind unersetzbar. Sie speichern CO₂, kühlen die Luft, filtern Feinstaub und bieten Lebensraum für unzählige Arten. Jeder gefällte Baum ist ein Verlust für das Stadtklima – und für uns alle.
- „Eine Anpassung des Bebauungsplans wäre zu aufwendig.“Doch genau das fordern wir nicht!Unser Antrag zielt darauf ab, im Rahmen des Architektenwettbewerbs den Erhalt der Bäume als verbindliche Vorgabe festzuschreiben. Die Bauherren – Bund und Freistaat – sollen die Möglichkeit erhalten, kreative Lösungen zu finden. Wir fordern keine grundlegende Neuauslegung, sondern eine pragmatische Anpassung, die den Erhalt der Bäume ermöglicht. Eine solche Lösung kann und soll natürlich auch architektonisch berücksichtigen, dass in ferner Zukunft die Bäume ihre Vitalität verloren haben und neues Stadtgrün an ihre Stelle treten kann. Ich bin mir sicher, dass unter diese Maßgabe spannende Entwürfe entstehen können.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir stehen vor einer Weichenstellung. Entweder wir akzeptieren, dass zwei wertvolle, stadtbildprägende Bäume gefällt werden – oder wir nutzen die aktuellen Spielräume, um sie zu retten. Der Erhalt dieser Bäume ist kein Hindernis für die Entwicklung des Wilhelm-Leuschner-Platzes, sondern eine Bereicherung.
Der Wilhelm-Leuschner-Platz soll ein nachhaltiges Klimaquartier werden. Wie kann ein Klimaquartier aber ohne alte, klimawirksame Bäume auskommen? Wie können wir den Menschen in Leipzig erklären, dass wir auf der einen Seite über Klimaschutz reden – und auf der anderen Seite wertvolle Bäume opfern, die genau diesen Schutz verkörpern?
Unsere Neufassung des Antrags vom 25. Juni 2026 zeigt einen realistischen Weg auf:
- Die Verwaltung setzt sich bei Bund und Freistaat für den Erhalt der Bäume ein– als verbindliche Vorgabe im Architektenwettbewerb.
- Eine Fällung vor Baubeginn wird ausgeschlossen, um Fakten zu vermeiden.
- Die Baulinie wird nur angepasst, wenn es notwendig ist– und nur im Rahmen des Möglichen.
Mit diesem Antrag wollen wir die Verwaltung beauftragen, auf die Bauherren zuzugehen und gemäß dieses Auftrags die Auslobung des Wettbewerbs zu gestalten. Zur Ehrlichkeit gehört auch, dass die Bauherrn Stiftung Forum Recht und Freistaat Herr des Verfahrens sind. Deshalb übernehmen wir für den Fall, dass es hier zu keiner Einigung kommt, gern den Änderungsantrag der SPD für Ersatzpflanzungen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Lassen Sie uns heute ein Zeichen setzen: Für den Erhalt des Silberahorns und des Bergahorns am Wilhelm-Leuschner-Platz. Für eine Stadt, die nicht nur baut, sondern auch Natur bewahrt.
Ich bitte Sie: Stimmen Sie für diesen Antrag in der Neufassung. Für Leipzig. Für unsere Zukunft.
Vielen Dank.